Klinik für Neurologie mit Institut für Translationale Neurologie

Informationen für Patienten

1. Was ist ein Schlaganfall

Nervenzellen sind Hochleistungselemente des Körpers, die nur bei einer ausreichenden Durchblutung und Energieversorgung fehlerfrei funktionieren. Daher kommt es bereits wenige Sekunden nach Eintritt eines Durchblutungsstillstandes im Gehirn zu einem Verlust der Nervenzellfunktion. Der Begriff „Schlaganfall“ beschreibt eine plötzliche Durchblutungsstörung des Gehirns, die mit schlagartig auftretenden Lähmungen einhergeht. Dies äußert sich in Form der typischen Schlaganfallsymptome, wie z. B. halbseitige Lähmung der Muskelkraft, halbseitige Gefühlsstörung (= Gefühllähmung), Sprachstörung (= Sprachlähmung) oder Sehstörung (vgl. dazu Frage 5). Zur Beschreibung eines Schlaganfalls werden auch andere Begriffe synonym verwendet: Schlaganfall = Apoplex = Hirnschlag = Hirninsult = Stroke.

Es können zwei Hauptursachen für einen Schlaganfall unterschieden werden (s. Abbildung):

1. Plötzliche Blutarmut durch abrupte Unterbrechung des Blutflusses
In etwa 80 % der Fälle liegt dem Schlaganfall eine Blutarmut durch einen plötzlichen Verschluss einer der hirnzuführenden Schlagadern (= Arterie) zugrunde. Der Fachbegriff für diese Blutarmut ist „Ischämie“. Man spricht in diesen Fällen daher auch von einem ischämischen Schlaganfall. Durch den plötzlichen Gefäßverschluss kommt es zu einem kritischen Abfall der Hirndurchblutung in dem dazugehörigen Hirnareal. Sinkt die Hirndurchblutung auf < 20 % des normalen Ausgangsniveaus, dann droht eine irreversible Hirnschädigung. Der Fachterminus für diese Hirnschädigung durch Mangeldurchblutung ist der „Hirninfarkt“. Als Ursache dieser Mangeldurchblutung können 3 große Krankheitsgruppen genannt werden:

2. Arteriosklerose (= Verfettung und Verhärtung) der großen hirnversorgenden Schlagadern
Mikrogefäßkrankheit des kleinen Haargefäße des Gehirns
Verschleppung von Blutgerinnseln (= Embolie) aus dem Herzen
Sowohl bei atherosklerotischen Gefäßschäden als auch bei zahlreichen Herzerkrankungen kommt es spontan zur Bildung von Blutgerinnseln, die mit dem Blut verschleppt werden und eine Schlagader im Gehirn verschließen. Dieser Mechanismus der Gerinnselverschleppung wird auch als „Embolie“ bezeichnet. Nur durch sofortige Wiedereröffnung der Schlagader kann ein Untergang von Hirngewebe verhindert werden (s. dazu Fragen 6 und 8).

3. Einblutung ins Gehirn:
In 10 - 15 % aller Schlaganfälle ist die Ursache eine Hirnblutung durch plötzlichen Einriss einer Hirnschlagader. Das Blut wird aus den Gefäßen in das Hirngewebe gepresst, was zu einer Blutergussbildung im Hirngewebe führt. Der Fachterminus hierfür ist „zerebrales Hämatom“, häufig wird auch die Abkürzung ICB (engl. intracerebral bleeding) verwendet. Je nach Größe dieses Blutergusses droht eine Zerquetschung des umgebenden Nervengewebes. Das Gehirn kann, aufgrund des harten Schädelknochens nicht nach außen ausweichen. Dadurch kommt es vor allem bei sehr großen Hirnblutungen zu einem z.T. lebensbedrohlichen Druckanstieg im Gehirn, der eine Notoperation erforderlich macht.

3. Was sind Schlaganfall-Risikofaktoren?

"Risikofaktoren“ (RF) sind bestimmte Merkmale oder Störungen, die das Auftreten eines Schlaganfalls begünstigen und die Wahrscheinlichkeit eines Schlaganfalls stark erhöhen. Man kann veränderbare (= vom Patienten und Arzt beeinflussbare) und nicht-veränderbare Risikofaktoren unterscheiden.

Die wichtigsten nicht veränderbaren Risikofaktoren sind:

  • Höheres Lebensalter
  • Männliches Geschlecht
  • Hautfarbe/Ethnische Zugehörigkeit
  • Familiäre Belastung

Veränderbare RF sind solche, die man durch Lebensstiländerungen oder andere Therapiemaßnahmen beseitigen oder zumindest entschärfen kann. Hierzu zählen im Wesentlichen:

  • Bluthochdruck (wichtigster Risikofaktor!)
  • Blutzuckerkrankheit
  • Nikotinkonsum
  • Fettstoffwechselstörungen
  • Übergewicht
  • Bewegungsmangel
  • Schwere Herzrhythmusstörungen (z.B. Vorhofflimmern)  

Es gibt eine Reihe von Faktoren, die derzeitig als wahrscheinliche Risikofaktoren für den Schlaganfall diskutiert werden:

  • Migräne: Frauen im Alter von < 45 Jahren, die an einer Migräne leiden, haben ein statistisch etwa 2-4-fach erhöhtes Schlaganfallrisiko. Daher sollten die betroffenen Frauen vor allem darauf achten, weitere Risikofaktoren wie z. B. Zigarettenrauchen, Übergewicht oder die Einnahme der „Pille“ mit hohem Östrogenanteil zu vermeiden.
    Schlafapnoe-Syndrom: Das Schlafapnoe-Syndrom ist durch lautes Schnarchen mit nächtlichen Atempausen gekennzeichnet und fördert das Auftreten eines Bluthochdruckes sowie von Herz- und Lungenkrankheiten. Sehr wahrscheinlich führt das Schlafapnoe-Syndrom auch zu einem erhöhten Schlaganfall-Risiko. Übergewicht begünstigt die Entstehung des Schlaf-Apnoe-Syndroms sehr stark.
    Erhöhter Homocysteingehalt im Blut (= Hyperhomocysteinämie): Homocystein ist ein natürliches Abbauprodukt von Eiweißen im Körper, das unter Beteiligung der Vitamine B6, B12 und Folsäure weiter verarbeitet wird. Etwa 5 % der Bevölkerung haben anlage- oder ernährungsbedingt einen erhöhten Homocysteinspiegel im Blut (> 10 µmol/l). Die Hyper-Homocysteinämie begünstigt das Auftreten von Arteriosklerose und erhöht damit auch das Risiko für Schlaganfälle und Herzinfarkte. Ein erhöhter Homocysteinspiegel im Blut kann durch Zufuhr von Vitamin B6, B12 und Folsäure gesenkt werden. Allerdings ist derzeitig noch ungeklärt, ob man dadurch tatsächlich auch das Herzinfarkt- und Schlaganfall-Risiko reduzieren kann. Aktuell wird daher bei Vorliegen eines erhöhten Homocysteinspiegels zunächst eine vitaminreiche Ernährung empfohlen und lediglich in Einzelfällen mit stark erhöhtem Gefäßrisiko auch eine medikamentöse Behandlung eingeleitet. '
  • Chronische Entzündung: bei der Entwicklung der Atherosklerose spielen, neben der Ablagerung von Cholesterin und anderen Blutfetten, Entzündungsprozesse eine entscheidende Rolle. Es konnte nachgewiesen werden, dass Menschen, die geringfügige Entzündungszeichen im Blut aufweisen, unter einer verstärkten Arteriosklerose leiden und ein höheres Risiko für Schlaganfälle und Herzinfarkte besitzen. Diese Entzündungszeichen sind jedoch mit den üblichen Laborwerten nicht zu erfassen, neue Methoden befinden sich in der wissenschaftlichen Erprobung. Auch ist nicht klar, ob die Behandlung dieser Entzündung tatsächlich hilfreich ist und wie diese Behandlung aussehen könnte. Hier müssen die Forschungsergebnisse der nächsten Jahre abgewartet werden.
  • Genetische Faktoren: Groß angelegte Forschungsprojekte konnten den Verdacht erhärten, dass bestimmte Erbinformationen (= Gene), das Auftreten von Schlaganfällen oder Herz-Kreislauf-Erkrankungen begünstigen. Möglicherweise können in ferner Zukunft Risikopersonen sicher identifiziert werden, die einer speziellen Vorsorge zugeführt werden müssen.

5. Was sind die Anzeichen eines Schlaganfalls?

Die Anzeichen (= Symptome) eines Schlaganfalls hängen maßgeblich von der Lage und dem Ausmaß der Durchblutungsstörung ab. Die 4 Hauptsymptome werden im Folgenden dargelegt:

1. Halbseitige Lähmungen der Muskelkraft

Die plötzliche, halbseitige Schwäche (= Hemiparese) ist das häufigste Schlaganfallzeichen. Sie kann eine gesamte Körperhälfte betreffen oder nur auf das Gesicht, Arm- oder Beinmuskeln beschränkt sein. Das Ausmaß der Lähmungserscheinungen besitzt eine große Variabilität von vollständiger Bewegungsunfähigkeit bis hin zu einer nur geringfügigen Schwäche. Typischerweise tritt diese Lähmung ohne begleitende Schmerzen auf.

2. Halbseitige Gefühlslähmungen

Ähnlich wie die motorischen Lähmungserscheinungen werden häufig auch halbseitige Gefühlsstörungen (= Hemihypästhesie) bei einem Schlaganfall festgestellt. Das Ausmaß zeigt hier ebenfalls eine große Variabilität von der seltenen, vollständigen Taubheit der gesamten Körperhälfte bis hin zu leichten Kribbelmissempfindungen im Gesicht, am Arm oder Bein. Nicht selten treten die Gefühlsstörungen gemeinsam mit einer halbseitigen Kraftlähmung auf, so dass sich der gelähmte Arm gleichzeitig auch taub oder „kribbelig“ anfühlt.

3. Sprach- und Sprechlähmung

Bei einer Sprachstörung (= Aphasie) haben die Patienten häufig eine gestörte Sprachproduktion: der Betroffene spricht überhaupt nicht oder kann nur einzelne Worte oder Laute unter großer Anstrengung herausbringen. Patienten mit einem gestörten Sprachverständnis wirken häufig verwirrt, da das von ihnen Gesprochene keinen Sinn ergibt und oft als “Silben- oder Wortsalat“ herauskommt. In anderen Fällen ist der Sprachfluss abgehackt, stockend mit gestörter Grammatik. Andere Patienten leiden darunter, nicht das richtige Wort zu finden. Die meisten sind in der Lage, flüssig zu lesen oder zu schreiben oder Gelesenes überhaupt zu verstehen. Im Falle einer Sprechstörung (= Dysarthrie) besteht eine Lähmung oder Funktionsstörung des Sprechapparates (Zunge, Gaumen, Rachen, Stimmbänder, Kehlkopf). Sie äußert sich in einer nuscheligen, verwaschenen, gepressten oder abgehackten Sprechweise.

4. Sehstörungen

Sehstörungen können Folge von Durchblutungsstörungen im zentralen Sehzentrum, im Hirnstamm oder am Auge selbst sein. Durchblutungsstörungen im Sehzentrum des Gehirns führen - ähnlich wie motorische Lähmungen und Gefühlsstörungen - zu halbseitigen Sehverlusten. So kommt es bei einer Durchblutungsstörung des linken Sehzentrums am Hinterhauptslappen zu halbseitigen Sehausfällen auf der rechten Seite (= Hemianopsie). Diese können das halbseitige Gesichtsfeld betreffen oder auch nur Teile davon. Durchblutungsstörungen am Auge selbst führen zu Sehstörungen nur auf dem betroffenen Auge (= Amaurosis). In diesem Falle kommt es zu einem plötzlichen, einseitigen „Schwarzsehen“. Plötzliche Dopplerbilder treten v.a. bei Durchblutungsstörungen im Hirnstamm auf, da hier das fein ausbalancierte Zusammenwirken der Augenmuskeln koordiniert wird.

5. Andere Schlaganfallsymptome:

Grundsätzlich kann jede Gehirnfunktion durch eine plötzliche Durchblutungsstörung ausfallen, dementsprechend variabel sind die übrigen Schlaganfallsymptome. An weiteren Schlaganfallzeichen sind zu nennen:

Plötzliche Gangunsicherheit mit Schwindelempfinden: Der Betroffene beklagt plötzlich eine Gangunsicherheit (= Ataxie) und Torkeln mit begleitendem Dreh- oder Schwankschwindel. Nicht selten besteht begleitend eine Übelkeit und Erbrechen. Die Beschwerden weisen v.a. auf eine Durchblutungsstörung im Kleinhirn hin. Allerdings gibt es zahlreiche andere Ursachen für Schwindelbeschwerden (z.B. Kreislaufstörungen, Innenohrerkankungen), die von medizinischen Laien nicht von einem Schlaganfall unterschieden werden können.
Plötzliche Bewusstseinsstörung: In seltenen Fällen kann sich ein Schlaganfall durch eine plötzliche Bewusstlosigkeit äußern. Allerdings ist dieses Symptom häufiger durch eine andere Störung z.B. ein plötzliches Kreislaufversagen, eine Herzerkrankung oder einen epileptischen Anfall verursacht.
Plötzlicher heftigster Kopfschmerz: Dies kann Hinweis auf eine sog. Subarachoinalblutung (SAB) sein, bei der aufgrund einer geplatzten Hirnader Blut aus den Hirnarterien austritt und sich entlang der schmerzempfindlichen Hirnhäute verteilt. Die Betroffenen schildern dies meist als “Explosion im Kopf“.

6. Nach welchen Prinzipien erfolgt die Akuttherapie?

Time-is-brain Konzept
Seit einigen Jahren ist der Schlaganfall – ähnlich wie der akute Herzinfarkt - als lebensbedrohlicher Notfall anerkannt. Die kurze Phase mit noch erheblicher therapeutischer Einflussmöglichkeit wird auch als “therapeutisches Fenster“ bezeichnet. Dieses “therapeutische Fenster“ ist nur für wenige Stunden offen. Mit Beginn der Schlaganfallsymptome setzt somit ein dramatischer Wettlauf mit der Zeit ein, der mit dem Slogan “Time is Brain“ (= Zeit bedeutet Gehirn) treffend beschrieben wird und ein rasches Akutmanagement erfordert.

Prästationäre Erstmaßnahmen
Die ersten 3 Schritte in der Versorgungskette beim akuten Schlaganfall müssen vom Betroffenen selbst bzw. den dabei Anwesenden erfolgen:

1. Wahrnehmung der Beschwerden (durch den Betroffenen und eine andere Person)

2. Erkennen dieser Beschwerden als Schlaganfall (oder zumindest als Notfall)

3. Alarmierung des Rettungswesens (Notruf “112“)

Stroke Units 
Eine Stroke Unit ist eine personell und apparativ speziell ausgestattete Station für die Akut- und Subakutbehandlung von Schlaganfallpatienten. Durch Vorhaltung eines multidisziplinären Teams aus Ärzten, speziell geschultem Pflegepersonal, Physiotherapeuten, Logopäden, Neuropsychologen, Ergotherapeuten und Sozialarbeitern wird eine maßgeschneiderte und bedarfsgerechte Behandlung gewährleistet. Durch mehrere internationale Studien konnte die Wirksamkeit von Stroke Units zweifelsfrei bewiesen werden.

Wiederherstellung der Hirndurchblutung 
Die Akuttherapie zielt darauf ab, die Durchblutung zu verbessern, um eine Gehirnschädigung zu verhindern oder zumindest einzugrenzen. Wichtigste Maßnahme ist die sog. Thrombolyse, bei der das Blutgerinnsel durch ein spezielles Medikament aufgelöst wird. Allerdings kann dies nur in den ersten 3 - 6 Stunden erfolgen, da die Gehirnzellen meist nicht länger überlebensfähig sind. Daher ist die Zeit der wichtigste Faktor für Erfolg bzw. Misserfolg der Schlaganfallbehandlung, was mit dem Slogan „Time is Brain“ zutreffend beschrieben wird. Darüber hinaus müssen sämtliche Körperfunktionen in den ersten Stunden bis Tagen nach Schlaganfallbeginn genauestens überwacht und optimal eingestellt werden. Dies ist durch Aufnahme auf eine Schlaganfall-Spezialstation (= Stroke Unit) gewährleistet.

7. Was sind Stroke Units?

Der Begriff Stroke Unit kommt aus dem Englischen und bedeutet „Schlaganfall-Spezialstation“. Eine Stroke Unit ist somit eine spezielle Einrichtung innerhalb eines Krankenhauses, die ausschließlich zur Behandlung von Schlaganfallpatienten eingerichtet ist. Auf der einen Seite steht rund um die Uhr ein für die Schlaganfallbehandlung speziell geschultes Team aus Ärzten, Pflegekräften, Physiotherapeuten, Ergotherapeuten und Sozialarbeitern zur Verfügung. Auf der anderen Seite ist jedes Krankenbett auf einer Stroke Unit mit speziellen Monitoren ausgestattet, so dass eine kontinuierliche Überwachung der Körperfunktionen gewährleistet wird. Dadurch können schädliche Körperreaktionen und Zustände (z. B. Herzrhythmusstörungen, Kreislaufschwankungen, Fieber, Lungenentzündung, Blutzuckerentgleisung) frühzeitig erkannt und gezielt beseitigt werden. Darüber hinaus kommen auf den Stroke Units modernste Behandlungskonzepte zum Einsatz, die auf den aktuellen, wissenschaftlichen Erkenntnissen in der Schlaganfallbehandlung beruhen. Durch die Kombination aus optimaler personeller und apparativer Ausstattung wird die bestmögliche Schlaganfallbehandlung für Betroffene sicher gestellt. In wissenschaftlichen Untersuchungen konnte gezeigt werden, dass nicht nur die Sterblichkeitsrate von Schlaganfallpatienten, sondern auch deren Behinderungsgrad, durch die Behandlung auf einer Stroke Unit drastisch gesenkt wird.

Bei der Thrombolyse wird ein gerinnselauflösendes Medikament verabreicht, das den gefäßverschließenden Blutpfropf beseitigen und so die Durchblutung normalisieren kann. Natürlich darf die Thrombolyse nur bei einer Mangeldurchblutung (= ischämischer Schlaganfall) eingesetzt werden und keinesfalls bei einer Hirnblutung. Daher muss vor jeder Thrombolyse zunächst eine Schichtaufnahme des Kopfes (= Computertomographie, CT) durchgeführt werden. Das erklärt, warum die Thrombolyse nicht bereits vor der stationären Einweisung durch den Notarzt eingeleitet werden darf. Auch darf die Thrombolyse nur von erfahrenen Schlaganfall-Behandlungszentren durchgeführt werden. Die Thrombolyse muss innerhalb von 3 – 6 Stunden nach Auftreten der Schlaganfallsymptome begonnen werden. Dafür muss der Betroffene möglichst zügig in eine geeignete Einrichtung eingewiesen sein. Dies macht deutlich, dass eine erfolgreiche Behandlung des Schlaganfalls nur durch einen optimalen Ablauf der Rettungskette realisiert werden kann.

Entscheidend ist zunächst, dass durch eine sorgfältige Diagnostik krankhafte Zustände der hirnzuführenden Schlagadern, des Herzens oder des Blutes aufgedeckt werden. Diese können dann gezielt behandelt und damit entschärft oder beseitigt werden. Dazu werden meist folgende Maßnahmen durchgeführt:

Gerinnungshemmung (= Blutverdünnung): Jeder Patient sollte nach einem ischämischen Schlaganfall eine blutverdünnende Medikation erhalten. Bei schweren Herzkrankheiten, wie z. B. Vorhofflimmern, ist eine scharfe Blutverdünnung notwendig, die in Deutschland üblicherweise mit Marcumar® erfolgt. Diese Art der Blutverdünnung wird auch als Antikoagulation bezeichnet. Zur Überwachung der Verdünnungsschärfe dient der sog. INR-Werte, der zwischen 2.0 und 3.0 liegen sollte. Bei den meisten Patienten ist jedoch eine Antikoagulation nicht erforderlich. Bei diesen Patienten werden sgn. Thrombozytenfunktionshemmer eingesetzt, die das Verkleben der Blutplättchen verhindern. Die 3 am häufigsten eingesetzten Wirkstoffe dieser Gruppe sind Azetylsalizylsäure (ASS, Aspirin®), Clopidogrel (Iscover®, Plavix®) und ASS plus Dipyridamol (Aggrenox®). Die Entscheidung, welches Präparat am sinnvollsten ist, wird vom Spezialisten getroffen.
Bluthochdruck: Ziel ist eine dauerhafte Blutdrucksenkung auf systolische Werte < 135 und diastolische Werte < 85 mmHg. Sehr wahrscheinlich profitieren sogar Schlaganfallpatienten mit noch normalen Ausgangswerten von einer Blutdrucksenkung, so dass generell eine blutdrucksenkende Therapie erwogen werden muss.
Blutzuckerkrankheit: Zur Überwachung der Qualität der Diabetes-Behandlung dient der sgn. HbA1c-Wert. Minimalziel muss eine Senkung des HbA1c auf < 6 % sein.
Cholesterinerhöhung: Ziel ist die Senkung des LDL-Cholesterinwertes meist auf Werte < 100 mg/dl. Häufig ist dazu die Einnahme spezieller Medikamente notwendig.
Nikotinabstinenz: Durch das Einstellen des Rauchens kann das Wiederholungsrisiko eines erneuten Schlaganfalles oder Herzinfarktes wirksam gesenkt werden.
 

Gewichtsnormalisierung: Durch eine konsequente Gewichtsabnahme werden verschiedene andere Risikofaktoren wie z. B. Bluthochdruck, Fettstoffwechselstörungen und Blutzuckerkrankheit günstig beeinflusst. Jedes verlorene Kilogramm in Richtung Normalgewicht senkt das Wiederholungsrisiko eines Schlaganfalls.
Sportliche Betätigung: Ähnlich wie die Gewichtsabnahme beeinflusst auch eine regelmäßige sportliche Betätigung verschiedene andere Risikofaktoren und senkt damit das Schlaganfallwiederholungsrisiko. Wir empfehlen den Patienten eine sportliche Aktivität für mindestens 30 Minuten an zwei Tagen pro Woche. Welche sportliche Tätigkeit sinnvoll ist, sollte in Absprache mit den behandelnden Ärzten erfolgen.

Bei der Mehrzahl aller Schlaganfallopfer bilden sich die Ausfälle zunächst nicht vollständig zurück. Das Ausmaß der bleibenden Dauerschäden und damit des Behinderungsgrades kann jedoch durch gezielte Rehabilitationsmaßnahmen wesentlich verringert werden. An therapeutischen Maßnahmen stehen Physiotherapie, Logopädie, Ergotherapie und neuropsychologische Behandlungsverfahren zur Verfügung. Wichtig ist, dass diese Rehabilitationsmaßnahmen sehr früh nach dem Schlaganfallereignis begonnen werden. Um festzulegen, welche Rehabilitationsmaßnahmen sinnvoll sind, muss zunächst geklärt werden, welche Funktionen in welchem Ausmaß gestört sind.

Physiotherapie (= krankengymnastische und bewegungstherapeutische Rehabilitation): Die physiotherapeutische Behandlung wird in Abhängigkeit vom körperlichen Allgemeinzustand, vom Ausmaß der neurologischen Ausfälle und vom Erkrankungsstadium gestaltet. In der Initialphase geht es um eine bedarfsgerechte Mobilisation des Betroffenen. Dabei steht zunächst die Stabilisierung des Rumpfes im Vordergrund. Zwischen den Behandlungseinheiten werden vor allem bei schwer betroffenen Patienten gezielte Lagerungen im Bett eingenommen, um eine Schädigung der Gliedmaßen, insbesondere der Gelenke und der Haut zu verhindern. Im Weiteren werden dann einfache Bewegungen von Armen und Beinen unter Kontrolle des Rumpfes trainiert. Abhängig vom Behinderungsgrad werden frühzeitig auch feinmotorische Störungen gezielt behandelt, um Tätigkeiten wie z. B. das Greifen zu verbessern. Von Beginn an versucht die krankengymnastische Übungsbehandlung einer krankhaften Steifigkeit der Gliedmaßen (= Spastik) entgegen zu wirken. Manchmal ist auch eine dauerhafte Krankengymnastik notwendig, um die motorischen Restfunktionen zu erhalten.


Logopädie: Die Logopädie behandelt Störungen der Sprache, des Sprechens und des Schluckens. Auf einer zertifizierten Stroke Unit gehört daher die Untersuchung des Schlaganfallpatienten durch einen Logopäden zum Standard, um auch geringfügige Störungen frühzeitig erfassen und gezielt behandeln zu können. Insbesondere die gestörte Schluckfunktion (= Dysphagie) ist eine häufige Ursache für eine Lungenentzündung nach einem Schlaganfall. Daher gehört das frühzeitige Erkennen einer Schluckstörung zum Behandlungsstandard, um Lungenentzündungen zu verhindern. Sprache ist Grundvoraussetzung unserer Kommunikation, ohne die ein sozialer Kontakt und eine gesellschaftliche Integration sehr erschwert sind. Insofern stellt eine Störung der sprachlichen Kompetenz, die meist auch eine Störung des Lesens und Schreibens mit einschließt, eine erhebliche Behinderung dar. Nicht selten entwickeln Patienten mit schweren Sprachstörungen im weiteren Verlauf Störungen des Gemütszustandes, die sich bis zu ausgeprägten Depressionen entwickeln können. Insofern kommt der Behandlung der Sprachstörung (= Aphasie) nach Schlaganfall eine herausragende Bedeutung zu. Nähere Informationen zu einem Aphasieforschungsprojekt, an dem auch das Universitätsklinikum Münster teilnimmt, finden Sie hier.


Ergotherapie: Hier werden vor allem Alltagstätigkeiten wie z.B. selbständige Körperpflege, Nahrungsaufnahme und Haushaltsführung geübt und trainiert. Manchmal können durch den Betroffenen noch Einzelbewegungen getätigt werden, das Zusammenfügen zu einer sinnvollen Handlung ist jedoch durch den Schlaganfall verloren gegangen. Daher werden verschiedene Bewegungsabläufe und Handlungsmuster trainiert. Darüber hinaus werden gezielt Hilfsmittel erprobt und eingesetzt, die Alltagstätigkeiten erleichtern oder überhaupt erst ermöglichen können.
Neuropsychologische Therapie: Hier werden Störungen von Konzentrationsfähigkeit, Aufmerksamkeit, räumlicher Wahrnehmung, visueller Wahrnehmung und verschiedener Gedächtnisleistungen trainiert. Vor allem für die Planung einer beruflichen Wiedereingliederung ist die Kenntnis dieser neuropsychologischen Funktionsstörungen entscheidend. Ohne spezielle neurologische Fachkompetenz bleiben diese Defizite nicht selten unerkannt, was zu einem Scheitern der Eingliederung in den beruflichen und privaten Alltag führen kann. Um diese Frustrationserlebnisse zu verhindern, sollte im Vorfeld eine gezielte neuropsychologische Untersuchung stattfinden und ein Behandlungsplan erarbeitet werden.

11. Gibt es Sebsthilfegruppen für Schlaganfall-Betroffene?

Es gibt in Deutschland zahlreiche Selbsthilfegruppen, sowohl für Betroffene als auch für Angehörige. Diese sind nicht nur in Großstädten etabliert, sondern auch in kleineren Ortschaften angesiedelt. Informationen können über die Homepage des bundesweiten Selbsthilfenetzes (www.selbsthilfenetz.de) oder bei der Stiftung Deutsche Schlaganfall-Hilfe angefordert werden (www.schlaganfall-hilfe.de). Die Funktion der Selbsthilfegruppen ist vielfältig. Einerseits kann der Kontakt mit gleichsinnig betroffenen „Leidensgenossen“ Halt und Kraft vermitteln. Betroffene und ihre Angehörigen stellen fest, dass sie mit ihren Problemen und Sorgen nicht allein sind. Auf der anderen Seite kann der Erfahrungsaustausch über praktische und alltagsrelevante Dinge eine konkrete Hilfe darstellen. Dadurch, dass jeder seine persönlichen positiven und negativen Erlebnisse als Schlaganfallbetroffener einbringt, entsteht ein reichhaltiger Erfahrungsschatz, von dem alle profitieren. Durch den regelmäßigen Kontakt der Selbsthilfegruppen mit den Schlaganfall-Regionalbeauftragten (also in der Schlaganfallbehandlung besonders erfahrenen Ärzten), fließen regelmäßig auch aktuelle medizinische Aspekte mit ein.

 
 
 
 

Kontakt

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Univ.-Prof. Prof. h.c. Dr. med.
Heinz Wiendl
Direktor
Albert-Schweitzer-Campus 1, Gebäude A1
Westturm, Ebene 05
48149 Münster

sekretariat.neurologie(at)
ukmuenster(dot)de
 
neurologie.ukmuenster.de

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