Medizinische Klinik A

Einführung Problem orientiertes Lernen (POL)

Die Lehrinhalte von fächerübergreifenden Themen wie der Onkologie sind an deutschsprachigen Universitäten traditionell ohne integratives Ordnungsprinzip über die verschiedenen Veranstaltungen des Curriculums zum Studium der Humanmedizin verstreut. Erst mit Einführung des Kursus Problem orientiertes Lernen interdisziplinäre Tumormedizin (poL-iT) für das 2. klinische Semester ist es in Münster gelungen, den Studierenden ein integratives Konzept zur gesamten Onkologie anzubieten. Dieser Ansatz wurde bereits 2001 von der Medizinischen Klinik A publiziert (siehe Berdel et al, 2001). Das zentrale Merkmal dieses pädagogischen Ansatzes besteht darin, dass reale und komplexe Problemstellungen aus dem beruflichen Alltag den Ausgangspunkt des Lernens bilden. Der Lernstoff wird problemorientiert und damit praxisnah außerhalb von traditionellen Unterrichtsfächern, d.h. stets fächerübergreifend, in praxisnahen Fallstudien von den Lernenden erarbeitet.

Dieses Konzept fördert selbstbestimmtes und entdeckendes Lernen, es ergibt sich ein handlungsorientierter Unterricht, ermöglicht fächerübergreifendes Lernen und eine kritische Selbstevaluation. Hier lernen die Medizinstudenten, ein onkologisches Thema oder eine Frage zu analysieren, geeignete Informationsquellen zu finden und zu nutzen und schließlich Lösungen zu vergleichen, auszuwählen und umzusetzen. Dabei wird der Dozent im klassischen Sinne durch einen Tutor ersetzt. Von den Studenten wird mehr Initiative und damit mehr selbstgesteuertes Lernen erwartet. Die ebenfalls implementierten praktischen Trainingseinheiten (Praktikum am Krankenbett) orientieren sich unmittelbar am Thema Tumormedizin. So ist diese Art der Aus- und Weiterbildung zugleich eine Vorbereitung auf die Ärztliche Tätigkeit, wo häufig Probleme selbstständig gelöst werden müssen und in Teams zusammengearbeitet wird.

In der Medizinischen Ausbildung wurde Problem-orientiertes Lernen (POL) zunächst 1969 von der McMaster Medical School (McMaster University) in Kanada eingeführt. Seitdem ist es weltweit an zahlreichen Universitäten implementiert worden und spielt heute in der universitären Ausbildung eine wichtige Rolle. Teilweise wurden Universitäts-Neugründungen auch speziell auf das problembasierte Lernen ausgerichtet, etwa die 1976 eröffnete medizinische Fakultät der Universität Maastricht. An der Privatuniversität Witten/Herdecke wurde POL in Deutschland 1992 als Unterichtsform ins Medizinstudium eingeführt. An einer nicht privaten Universität wurde POL in der medizinischen Ausbildung erstmals im Wintersemester 1999/2000 an der Charité Berlin parallel zum Regelstudiengang angeboten.

Den Kurs „Problem orientiertes Lernen – interdisziplinäre Tumormedizin“ an der Medizinischen Fakultät Münster gibt es seit 2001.

Im Rahmen des hier vorgestellten Kurses wird in drei verschiedenen Lehrangeboten (Tutoriat, Praktikum am Krankenbett, Interdisziplinäres Konsil) den Studierenden innerhalb von drei Wochen ein praxisnaher Einblick in die interdisziplinäre Zusammenarbeit der verschiedenen an der Onkologie beteiligten Fächer ermöglicht. Zudem werden die curriculären Lernziele über die Methode des Problem orientierten Lernes in den Tutoriaten effektiv und nachhaltig vermittelt. Seit seiner Einführung im Jahre 2001 wird der Kursus durch die Studierenden konstant gut evaluiert und kommentiert mit dem Wunsch nach mehr Lehrangeboten dieser Art. Ebenfalls ist der poL-iT das einzige Kursangebot, in dem mehr als 10 klinische Fächer interdisziplinär zusammenarbeiten. Neben den mehr als 40 Dozenten für die 26 Interdisziplinären Onkologischen Konsile und Vorlesungen zu Speziellen Untersuchungstechniken, gilt es jedes Semester 72 Tutoren für das Praktikum am Krankenbett und 60 für die Tutoriate zu gewinnen. Alle Tutoren werden zudem in einem eigens für diesen Kurs eingerichteten Seminar für das Problem orientierte Lernen geschult.

Das zentrale Element des Kurses stellt dabei das Tutoriat dar, wobei eine authentische und komplexe schriftliche Problemstellung als Ausgangspunkt dient.

Es folgt eine an der Universität Maastricht entwickelte Unterrichtsdurchführung, welche auch Methodik des 7-Sprunges genannt wird.

1. Klären unbekannter Begriffe
2. Themenfindung oder Problemdefinition
3. Brainstorming zur Hypothesengenerierung
4. Systematische Ordnung und Bewertung der Hypothesen
5. Lernzielformulierung
6. Eigenstudium
7. Synthese

In Gruppenarbeit (i.d.R. 8-12 Studenten) wird der schrifltich vorliegende Fall von den Studenten erörtert. Begriffe i.S. von einfachen Nomenklaturfragen werden geklärt, im besten Fall von den Studenten selbst, ggf. von einem Tutor. Anschließend bestimmen die Studenten die möglichen Verdachtsdiagnosen und definieren Probleme. Im nächsten Schritt werden Hypothesen generiert, die zur weiteren Bearbeitung des onkologischen Falls dienen können. Diese Hypothesen können sich z.B. darauf beziehen, wie es zu den Symptomen gekommen ist, welche weiteren Untersuchungen ggf. durchgeführt werden müssen. Nach Ordnung und Bewertung der Hypothesen folgt die Formulierung von Lernzielen. Diese Lernziele sollen in den vorangegangenen Schritten offen gelegte Wissensdefizite abdecken und letztlich dazu beitragen, den Fall abschließend zu bearbeiten (z.B. Stadieneinteilung eines bestimmten Tumors und stadiengerechte Therapie). An diesem Punkt ist die Gruppenarbeit zunächst beendet und jeder Teilnehmer betreibt nun im Eigenstudium selbstständig oder in Kleingruppenarbeit Recherchen, um die formulierten Lernziele zu erarbeiten. Dazu können und sollen Internet, Artikel aus Fachzeitschriften, sowie Bücher benutzt werden, wobei sämtliche Hilfsmittel im Gruppenraum zur Verfügung stehen.

Bei dem nächsten Treffen der Unterrichtsgruppe tragen die Teilnehmer die Ergebnisse ihrer Arbeit zusammen, erarbeiten eine Synthese, überprüfen die gewonnenen Informationen und evaluieren die eigene Arbeit.

Eine weitere Idee hinter POL ist die Ausbildung einer Lernkultur, die auf dem Gedanken des lebenslangen Lernens basiert und in der heutigen Wissensgesellschaft unabdingbar geworden ist. Lebenslanges Lernen bedeutet auf den Einzelnen bezogen, Eigeninitiative gepaart mit Motivation sowie selbstgesteuertes und kooperatives Lernen.

Problemorientiertes Lernen vereinbart in hohem Maße die Kriterien des lebenslangen Lernens. Diese Lernkultur trägt ebenso zum Erwerb flexibel nutzbaren Wissens, zur Entwicklung fächerüberschreitender Kompetenzen sowie einer besseren Problemlösefähigkeit bei. Soziale Kompetenz und Teamfähigkeit sind weitere Schlüsselqualifikationen, die die Medizinstudenten schon während ihrer Ausbildung erwerben. Dabei sollte betont werden, dass POL althergebrachte und bewährte Lehr- und Lernformate - allen voran die Vorlesung - nicht ersetzen sondern ergänzen soll.

Zwar gibt es wissenschaftliche Studien die darauf hindeuten, dass Studierende, die ein POL-Curriculum durchlaufen haben, etwas weniger Wissen in den theoretischen Grundlagen der Medizin haben, dieses kann angesichts der stets überdurchschnittlichen Ergebnisse der Münsteraner Medizinstudenten in den schriftlichen Staatsexamina hier nicht nachvollzogen werden. Nach unserer Erfahrung gewinnen die Studierenden durch Problem orientiertes Lernen insbesondere ein mehr an Teamfähigkeit, Fähigkeit soziale und juristische Problemen zu beurteilen und Kommunikationsfähigkeit hinzu. Die Ausbildung dieser heutzutage sehr geforderten und nicht nur Ärztlichen Kompetenzen kommt im traditionellen medizinischen Curriculum definitiv zu kurz.

Insgesamt wurde der poL-iT Kurs im aktuellen Wintersemester bereits zum 16. mal durchgeführt und nach wie vor, bekommen wir von den Studierenden eine unmittelbare und absolut positive Rückmeldung mit dem eindeutigen Wunsch nach mehr Lehrangeboten dieser Art.

 
 
 
 

Mehr Informationen

Alle wesentlichen Informationen zum Lehrangebot für die Studierenden, sowie die Vorlesungen im pdf Format finden Sie auf der medicampus Homepage:

http://medicampus.uni-muenster.de/polit.html

 

Sie könnne auch eine Veröffentlichung zu diesem Thema herunterladen:

Berdel WE, Zühlsdorf M, Nippert RP, Marschall B, Wilhelm MJ, Stümpel F, Herbst H,
Kliesch S, Ramsthaler F, Domschke W. Problem orientiertes Lernen
Interdisziplinäre Tumormedizin (poL-iT): Ein integriertes Modell der Universität Münster. Onkologie. 2001 Dec;24(6):587-94.