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Neue Anlaufstelle bei Langzeitfolgen nach Intensivtherapie: UKM richtet Ambulanz für intensivmedizinische Nachsorge ein

Foto Ambulanz für intensivmedizinische Nachsorge (AfiN)
Foto (UKM/FZ): Elf Wochen lag Karl-L. Liesenklas auf der Intensivstation. Er ist einer der ersten Patienten in der neuen Ambulanz für intensivmedizinische Nachsorge
Jährlich werden in Deutschland zwei Millionen Patientinnen und Patienten auf Intensivstationen behandelt, aufgrund der aktuellen COVID-19-Situation sind diese Zahlen tendenziell steigend. Rund die Hälfte von ihnen erleidet ein Organversagen, das sich im Anschluss zu einer chronischen Erkrankung – am Beispiel der Niere bis hin zur Dialysepflicht – entwickeln kann. Das UKM bietet mit der neu geschaffenen Ambulanz für intensivmedizinische Nachsorge nun eine Anlaufstelle für Post-Intensiv-Patienten. Es ist die zweite universitäre Ambulanz neben der Berliner Charité.

Der Weg zurück ins Leben ist nach einem längeren Aufenthalt auf der Intensivstation oft kein einfacher. Doch was, wenn die mehrwöchige Reha, Nachsorgeuntersuchungen und anschließende therapeutische Behandlungen zwar Fortschritte bringen, aber dennoch weiterhin eine gesundheitliche Beeinträchtigung besteht? „Dann sind das Patientinnen und Patienten, die sich noch einmal bei uns vorstellen sollten, denn chronische Erkrankungen, die sich aus den intensivmedizinischen Krankheitsbildern ergeben, sind keine Seltenheit“, weiß Privat-Dozentin Dr. Melanie Meersch-Dini. Die Oberärztin der Klinik für Anästhesiologie, operative Intensivmedizin und Schmerztherapie am UKM (Universitätsklinikum Münster) übernimmt die Leitung der neu eingerichteten Ambulanz für intensivmedizinische Nachsorge (AfiN), die Anlaufstelle für Patientinnen und Patienten sein soll, denen nach mehr als drei Monaten nach Ende der Intensivbehandlung eine Rückkehr in ihren gewohnten Alltag aufgrund anhaltender gesundheitlicher Probleme noch nicht wieder vollständig möglich ist. Die Beeinträchtigungen können dabei organische Dysfunktionen zum Beispiel von Herz, Niere oder Lunge ebenso umfassen wie neuro-kognitive Störungen, wozu Konzentrationsstörungen oder anhaltende Erschöpfung zählen.

Karl-L. Liesenklas ist genau solch ein Patient. Der 57-Jährige lag für insgesamt elf Wochen nach der Entfernung eines Tumors auf der Intensivstation, hatte mehrere schwere Komplikationen, unter anderem eine Lungenentzündung und akutes Nierenversagen mit Dialysepflicht. Zwar ist der Recklinghäuser in neurologischer Behandlung, da er seinen rechten Arm bis heute nicht wieder richtig bewegen kann; in der neuen Ambulanz werden jedoch die inneren Folgen der Komplikationen noch einmal genauer unter die Lupe genommen. Liesenklas erhält dafür eine umfassende Diagnostik, zu der Laboruntersuchungen ebenso wie Ultraschalluntersuchungen der beeinträchtigten Organe gehören.

„Das Beispiel des Patienten zeigt, dass die intensivmedizinische Nachsorge sehr komplex ist“, erklärt Klinikdirektor Prof. Dr. Alexander Zarbock. „Wir sind genau deshalb der Überzeugung, dass wir, die selbst täglich Intensivpatienten versorgen und die Komplikationen im Rahmen solch einer Behandlung kennen, Betroffenen gut helfen können“, so Zarbock, dessen Team am UKM etwa rund 3500 Patientinnen und Patienten pro Jahr intensivmedizinisch versorgt. Während manche von ihnen nach kurzer Regeneration vollständig genesen, haben andere – beeinflusst auch von der Schwere der Erkrankung, der Liegezeit und dem vorherigen Gesundheitszustand – eine große Einschränkung der Lebensqualität bis hin zu Auswirkungen auf das Langzeitüberleben. „Wenn wir das Beispiel des Nierenversagens nehmen, wie wir es aktuell auch häufig durch COVID-19 auf der Intensivstation sehen, belegen Studien, dass Patientinnen und Patienten oftmals noch ein Jahr später eine eingeschränkte Nierenfunktion haben, die das Risiko für eine chronische Niereninsuffizienz und eine Dialysepflicht deutlich erhöht“, nennt der Anästhesist und Intensivmediziner ein Beispiel. Auch demenzielle Verläufe zu verlangsamen, die in Folge einer langen intensivmedizinischen Behandlung auftreten können, sei eines der Ziele. „Deshalb setzen wir auf ein interdisziplinäres Netzwerk innerhalb des Klinikums, zudem unter anderem die Neurologie gehört“, sagt Alexander Zarbock mit Blick auf die vorhandenen Fachabteilungen eines Maximalversorgers wie dem UKM.

Melden können sich ab sofort Betroffene, die einen längeren Intensivaufenthalt mit Organversagen durchlebt haben – unabhängig davon, ob am UKM oder in einem anderen Krankenhaus. „Neben dem Entlassungsbrief sind für uns weitere relevante Vorbefunden wie EKG, Sonographie und bildgebende Untersuchungen, wenn vorhanden, interessant“, sagt Ambulanz-Leiterin Melanie Meersch-Dini. Darüber hinaus erfolgt eine Evaluierung der psychischen Gesundheit und gegebenenfalls eine Vermittlung einer psychotherapeutischen Behandlung bei posttraumatischen Beschwerden und Depressionen nach Intensivbehandlung. „Unser Ziel ist eine gute und umfassende Betreuung, um weitere Komplikationen zu verhindern und den Patientinnen und Patienten wieder einen weitestgehend normalen Alltag zu ermöglichen.“ Mittelfristig sind in der Ambulanz für intensivmedizinische Nachsorge auch Studien geplant, um gewonnene Erkenntnisse in die Breite zu tragen und anderen Kolleginnen und Kollegen zugänglich zu machen.

Info: Weitere Informationen zur Ambulanz für intensivmedizinische Nachsorge unter www.afin.ukmuenster.de oder T 0251 83-44088.

ukm/maz
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