Tag der Patientensicherheit (17.09.2018): Narkose-Einleitung als „Training to go“ im OP

Eine in 2014 veröffentlichte Studie der Deutschen Gesellschaft für Anästhesiologie und Intensivmedizin (DGAI) zeigt: Bei mindestens einem von 140.000 operierten Patienten in Deutschland kommt es zu einem ernsten Narkose-Zwischenfall. Grund genug, Anästhesie-Teams für Risiken zu sensibilisieren und für diese Situationen zu wappnen. Und wo ginge das besser als direkt im Operationssaal? Das Team des UKM-Trainingszentrums bietet deswegen „to go“-Trainings an. Zum Üben lebensrettender Abläufe zwischendurch…

Um viertel nach neun am Montagmorgen haben sich alle Teilnehmer des „Training to go“ im Einleitungsraum versammelt: Die beiden Anästhesie-Pflegekräfte Jasmin Pelizaeus (28) und Jonas Janßen (22) sowie der Assistenzarzt im zweiten Fortbildungsjahr zum Facharzt für Anästhesiologie und Intensivmedizin, Dr. Kei Schulz (28). Alle wurden von ihren Kollegen aus laufenden Operationen im Zentralen Operationssaal des UKM (Universitätsklinikum Münster) am OP-Tisch abgelöst, um an einem Patientensimulator das zu üben, was sie Minuten zuvor noch am lebenden Patienten in Echtzeit durchgeführt haben. Trainiert werden soll das tägliche Kerngeschäft: Einleitungen von Narkosen als Auftakt zu einer OP und Vermeidung von Komplikationen. Angeleitet werden Sie dabei von den Leitern des UKM Trainingszentrums:  Michael Klatthaar und Dr. Tim Güß. Das sogenannte Anästhesie-„Training to go“ ist eine Idee, die die beiden seit 2014 erfolgreich am UKM umsetzen:  „Die Kollegen werden aus ihren laufenden Aufgaben im OP abgelöst. Unsere Auswahl ist zufällig – wichtig ist nur, dass jeder regelmäßig dran ist. Dabei gibt es keine Hierarchien: Erfahrene Mitarbeiter nehmen genauso teil wie der  Berufsanfänger“, sagt Klatthaar. „Beim „Training to go“ ist Zeit für Fragen, für die während einer ‚echten‘ Operation meist wenig Raum bleibt. Das können ganz banale Dinge sein, aber auch das nochmalige Vergegenwärtigen von eingespielten Abläufen betreffen“, ergänzt Güß.

Im Mittelpunkt steht heute der Umgang mit dem schwierigen Atemweg. Der Patienten-Dummy „Johannes Müller“ wird vom Anästhesie-Team begrüßt wie jeder menschliche Patient, ein Zwinkern aus Puppenaugen ist seine Reaktion. Bei dem fiktiven anschließenden Eingriff soll es sich um eine geplante und nicht lebensbedrohliche Bandscheiben-OP handeln. Komplikationen sind nach vorheriger Anamnese nicht zu erwarten, einzig die etwas zu niedrige Sauerstoffsättigung von nur 94 Prozent  fällt Assistenzarzt Schulz auf. Güß nimmt das in einem ersten Time-out auf und lobt: „Prima, dass Dir das aufgefallen ist und du es auch ausgesprochen hast – so ist das gesamte Team auf demselben Informationsstand und über ein mögliches Risiko informiert“. Solche Time-outs streuen wir in den Trainings immer wieder ein“, erklärt Klatthaar. „Sie sind ein wichtiges und direktes Feedback für die Teilnehmer. Wir nutzen sie während der Trainings um entscheidende Situationen zu kommentieren.“

Es kommt, wie es laut Szenario kommen muss: „Patient Müller“ lässt sich nur schwer mit der Maske beatmen, die Intubation klappt zunächst gar nicht. Am echten OP-Tisch käme das Team nun ins Schwitzen. Beim Training bleibt Zeit, zu überlegen, welche Maßnahmen ergriffen werden müssen. Das Team entscheidet, den Instrumentenwagen für den schwierigen Atemweg zu holen und das Team im Nachbar-OP zu informieren, dass man kurzfristig Unterstützung benötigen könnte. Güß erklärt noch mal die Funktionsweise aller Instrumente, die sonst nicht standardmäßig bei Narkoseeinleitungen verwendet werden. „Es ist gut, diese Dinge immer mal wieder in der Hand zu haben, damit sie im Notfall dann auch schnell und richtig eingesetzt werden“, sagt er. Weil im Szenario die oberen Atemwege des Patienten verlegt sind, hilft nur eine Not-Koniotomie (Luftröhrenschnitt), zu der letztendlich ein Chirurg hinzugezogen wird. „Wir wollen mit dem Training ermutigen, zeitnahe Entscheidungen zu treffen, die im Ernstfall lebensrettend sein können. Im normalen OP-Alltag ist jeder bereit, zu unterstützen. Trotzdem muss man lernen, diese Hilfe zum richtigen Zeitpunkt auch anzufordern“, sagt Klatthaar.

Das Resümee der Teilnehmer ist positiv: „Entweder ich mache in der Ausbildung  nur Theorie oder im OP nur Praxis“, sagt Anästhesie-Pfleger Janßen. Und Assistenzarzt Schulz lobt: „Beim ‚Training to-go‘ ist alles klar strukturiert und ich bekomme sofortige Resonanz darauf, wie ich die Theorie umsetze.“ Nach Ansicht von UKM-Pflegedirektor Thomas van den Hooven sind die „to go-Trainings ein entscheidender Baustein dafür, die Versorgungsqualität auf hohem Niveau zu halten. Und Hubert Otte, der die Einteilung der Teams in allen OPs des UKM koordiniert, glaubt, dass – auch wenn es nicht immer einfach sei, die Trainings in den Alltag zu integrieren – sie auf jeden Fall ein Mehrwert für die Patientensicherheit darstellen.

ukm/aw
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