“Ich liebe sie, wie sie sind“: Kinder mit Fetalem Alkohol-Syndrom

Foto (privat): Familie als Mission: Stephanie T. und ihr Mann bieten ihren vier Pflegekindern Zusammenhalt und ein sicheres Zuhause.

Das Fetale Alkohol-Syndrom (FAS) ist die häufigste vorgeburtliche Schädigung, die Kinderärzte kennen: Jedes 300. Kind zeigt das Vollbild des Syndroms, das durch mütterlichen Alkoholkonsum in der Schwangerschaft hervorgerufen wird. Nach außen erscheinen diese Kinder auf besondere Art liebenswert. Auf der anderen Seite sind sie aber auch extrem impulsiv, aggressiv und sehr vergesslich. Familie T. wohnt in einer norddeutschen Kleinstadt und hat gleich vier Pflegekinder mit FAS aufgenommen.

 

ukm/aw

Wenn Stephanie T. über ihre Kinder Sandra (11), Jeremy (9), Jonas (7) und Lara (2)* redet, kommt man ins Grübeln. Es scheint es mit dem Bild einer liebevollen Mutter kaum zu vereinbaren, dass sie ihre Kinder einschließt, sie nicht alleine nach draußen lässt und an allen Türen Alarmanlagen angebracht hat. Was die 52-Jährige über ihren Alltag mit den vier Kindern erzählt, die sie mit ihrem Mann zusammen an Kindes statt angenommen hat, klingt eher nach einem Boot-Camp. „Die Kinder sind haltlos, aggressiv, manipulativ und grenzenlos. Trotzdem geht es ihnen sehr gut bei uns. Ich liebe sie, wie sie sind, und sie brauchen uns und die Klarheit in unseren Regeln. Wir sind eine super Familie mit einem tollen Zusammenhalt“, sagt sie. Momente wie der, als sie Jeremy kurz aus den Augen ließ, um zur Toilette zu gehen, und danach  in einem Zimmer stand, in dem die Tapeten abgerissen waren und der Boden mit Exkrementen beschmiert war, versucht Stephanie T. auszublenden.

Vier Pflegekinder mit der Diagnose FAS groß zu ziehen, scheint unmöglich, ist in der gelebten Realität aber gar nicht mal so selten, sagt. Dr. rer. medic. Reinhold Feldmann. Tatsächlich  würden 80 Prozent aller FAS-Kinder aus den Herkunftsfamilien genommen, daher sei jedes vierte bis fünfte Pflegekind von FAS betroffen. Feldmann ist – neben seiner Tätigkeit in der Klinik für Kinder- und Jugendmedizin – Allgemeine Pädiatrie am UKM – auch als Psychologischer Psychotherapeut der FAS-Ambulanz an der Tagesklinik des ambulanten Gesundheitszentrums Haus Walstedde tätig. Dort sieht er mit seinem Team jedes Jahr rund 2.000 Fälle von FAS. Er sagt: „Abgesehen von der Erstdiagnose, die wir hier häufig stellen, kommen die Familien im weiteren Verlauf hierher, um sich beraten zu lassen. Sie wollen wissen, welche begleitenden Therapien der Familie insgesamt Entlastung verschaffen könnten. Denn die Kinder scheitern in sozialen Bezügen vor allem an ihrem auffälligen Verhalten, sind distanzlos, übergriffig und sehr impulsiv.“

FAS-Kinder haben einen durchschnittlichen IQ von 75, das liegt im Bereich der Lernbehinderung. „Durchschnitt heißt aber auch, dass die Hälfte schlechter ist“, räumt Feldmann ein. Andere wiederum seien in ihrer Intelligenz gar nicht gemindert. Doch selbst dann sind die Kinder in alltagspraktischen Dingen oft überfordert und darüber hinaus sehr vergesslich. Das sorge insbesondere bei Lehrern für Irritationen, so Feldmann: „Die Kinder lernen in der Schule mit viel Mühe das Pluszeichen beim Rechnen. Dann können sie es irgendwann. Und wenn sie dann das Minus lernen, ist das Pluszeichen wieder weg. So entsteht oft der Eindruck, diese Kinder seien frech oder faul. Tatsächlich sind diese Kinder zu sehen wie Demenzpatienten.“ Die Vergesslichkeit beruht auf der vorgeburtlichen Schädigung der Hirnzellen durch Alkohol. Das Gehirn ist das Organ mit der höchsten Zellteilung und wachse während der gesamten neun Monate, ins-besondere aber während der Spätschwangerschaft, sagt Feldmann. „Viele Schwangere denken, dass sie sich in den letzten Monaten mal ein Gläschen genehmigen dürfen. Das ist falsch. Ich sage immer: Die ersten neun Monate sind riskant! Wer auf dieses eine Glas verzichtet kann, der soll das besser machen.“  Er selbst kenne tragische Fälle, wo die Mutter nur ein einziges Mal während der Schwangerschaft getrunken und ihr Kind damit nachhaltig geschädigt habe.

Sandra, Jeremy, Jonas und Lara sind vier von jährlich etwa 4.000 Kindern, die mit dem Vollbild des Fetalen Alkohol-Syndroms auf die Welt kommen. Für Stephanie T. und ihren Mann, die gemeinsam auch drei leibliche, erwachsene Kinder haben, sind sie eine Lebensaufgabe, die sie zur Berufung gemacht haben.

Den strengen Umgang und die starren Regeln zuhause sehen die Pflegeeltern als Notwendigkeit: „Mir tut es auch manchmal leid. Aber es ist wichtig, um das Leben der Kinder in der Spur zu halten.“ Stephanie T. fände es wichtig, über FAS aufzuklären. „Von außen denkt man einfach, das sind freche, unerzogene Kinder. Ich weiß aber, dass sie nicht freiwillig so anstrengend sind.“ Und dann sieht sie sich ihre vier an und weiß: „Im Grunde haben wir das echt gut hinbekommen!“

* Namen zum Schutz der Kinder von der Redaktion geändert.

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