13.04.18ukm/aw

Eine Woche nach der Tat: Trauma-Folgen bei Kindern und Jugendlichen und die Rolle von bürgerlichem Zusammenhalt

Die engagierten Bürger Münsters helfen bei der psychischen Verarbeitung des Amok, sagt Prof. Georg Romer, Leiter der Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie am UKM (Universitätsklinikum Münster). Rund eine Woche nach der Amokfahrt am Kiepenkerl sind die äußeren Verletzungen der Betroffenen in Behandlung. Welche seelischen Folgen die Tat bei Kindern und Jugendlichen haben kann und wann man von einer Traumatisierung spricht, erläutert Romer im Interview.

Herr Prof. Romer, kann sich – rund eine Woche nach der Amokfahrt  –  eine Traumatisierung bei Kindern- und Jugendlichen auch jetzt noch offenbaren?
Bei unmittelbar Betroffenen: ja! Das Typische für eine Traumatisierung ist, dass sie in den meisten Fällen nicht sofort sichtbar wird. Im Akut-Fall stabilisiert sich der Mensch erst einmal körperlich, das heißt zunächst gilt es, den gesamten durch das Ereignis belasteten Organismus wieder in eine Grundbalance zu bringen, um nicht funktional zusammenzubrechen. Erst wenn das geschafft ist, kann auch die Psyche sich eine gewisse Schwäche erlauben. Die Hilferufe der Seele können also lange im Nachhinein noch kommen. Bei akuter Lebensbedrohung sogar Jahre später, das erleben wir beispielsweise auch bei jugendlichen Flüchtlingen, die zunächst ihr Leben in Sicherheit bringen mussten und die erst viel später seelisch dekompensieren. Man spricht da von einer zunächst stabilisierenden Latenz.

Trägt die seelischen Folgen nur, wer die Tat miterlebt hat oder können besonders sensible Kinder auch durch Medienberichterstattung oder vom „Hörensagen“ traumatisiert werden?
Nein. Ein seelisches Trauma kann bei  Kindern und Jugendlichen nur  dann entstehen, wenn sie entweder selbst Augenzeuge der Tat geworden sind oder auch, wenn eine  ihnen nahestehende Person unmittelbar betroffen war. Ein Trauma geschieht nach einer konkreten extrem belastenden Erfahrung, der ich selbst oder meine Liebsten unerwartet ausgesetzt war und die mein Selbst- und Weltverständnis nachhaltig erschüttert. Wenn sich bei einem Kind, das nur indirekt von der Tat gehört hat, trotzdem Schlafstörungen und Angstzustände einstellen, dann müsste man davon ausgehen, dass da schon vorher eine seelische Verwundung in diesem Bereich bestand, die sich in dieser Ängstlichkeit in Bezug auf die Tat erneut manifestiert.  Das ist dann aber kein Trauma sondern eine andere Grunderkrankung. Man sollte den Begriff Trauma nicht inflationär verwenden.

Wenn Eltern nun aber eine Traumatisierung ihres Kindes befürchten, woran können sie das erkennen?
Wer jetzt – eine Woche nach der Tat – bei seinem Kind noch Albträume, Schlaflosigkeit oder Angstzustände beobachtet, der sollte das gut im Blick behalten. Normalerweise haben Eltern bei einer so existentiell berührenden Erfahrung ein sicheres Bauchgefühl dafür, was ihr Kind braucht. Es kann zur Sicherheit gebenden Beruhigung ausreichen, ein  Kind – egal wie alt es ist – nach einer solchen Erfahrung einige Nächte mit im Bett der Eltern schlafen zu lassen. Wenn die Zustände jedoch andauern, sollten Eltern fachliche Hilfe suchen und beispielsweise eine Traumaambulanz für Kinder und Jugendliche aufsuchen, wie sie hier beispielsweise an der Kinderklinik des UKM angeboten wird. Wir haben geneinsam mit der Kinderklinik schon am Tag nach der Tat für Betroffene kurzfristige Termine zur Verarbeitungshilfe bereitgestellt, damit eine posttraumatische Belastungsstörung gar nicht erst entsteht. Das ist immer ein gesunder erster Schritt: Den Kindern und Jugendlichen Gelegenheit geben, in Worte zu fassen, was passiert ist  und so den erlebten Schock  zu einer verarbeitbaren Geschichte werden zu lassen. Oft erübrigt sich durch sofort einsetzende Verarbeitungshilfe alles Weitere.

Haben sich viele Patienten bei Ihnen vorgestellt?
Wir sind froh, dass es bisher nicht so ist. Bisher haben sich mehr Erwachsene und auch Ersthelfer  bei den Kollegen in der Trauma-Ambulanz des UKM (s. Kasten) vorgestellt. Meine Vermutung ist, dass hier die Ersthilfemaßnahmen, die in Münster durch ein bestens funktionierendes Rettungswesen und hervorragende Polizeiarbeit vorbildlich gelaufen sind, einen großen Anteil haben. Die Ersthelfer haben sofort und unaufgeregt das Richtige getan. Es gab keine größere Panik vor Ort, die die Menschen noch weiter hätte erschüttern können. Das ist durchaus bemerkenswert und ich würde es der gut funktionierenden Bürgerschaft in Münster zuschreiben. Man hat unaufgeregt das Richtige getan, die Welle der Solidarität und Anteilnahme, der Hilfsbereitschaft, die nicht nach Aufmerksamkeit heischt, ist beeindruckend gewesen. Als vor wenigen Jahren zugezogener Wahl-Münsteraner habe ich das schon im Zuge des  Flüchtlingszustroms mit Faszination beobachtet. Dieses implizite „Wir-Gefühl“ und der Grundkonsens des Helfen-Wollens sind typisch „Münster-Style“, so würde ich es nennen. Und das zeichnet die Bürger dieser Stadt in besonderer Weise aus.  Ich habe den Eindruck, dass es die  in den vergangenen Jahren zu beobachtende allgemein zunehmende Verrohung der Gesellschaft, wie wir sie z.B. bei Gaffereien nach Autobahnunfällen erleben, so hier nicht gibt.

Gibt es Tipps, wie Eltern ihrem Nachwuchs so eine schreckliche Tat überhaupt erklären können?
Bei jüngeren Kindern sollte man  diese von der Information tatsächlich abschirmen, das heißt natürlich auch von der Medienberichterstattung. Aber spätestens ab dem Schulalter funktioniert das nicht mehr – da werden Kinder auch außerhalb des Elternhauses mit den Ereignissen konfrontiert. Es gilt also, dem Kind die Ereignisse wahrheitsgemäß einordnen zu helfen. Eltern können dabei  ihre eigene Betroffenheit und Ratlosigkeit angesichts der Tat zeigen. Eltern sollten dabei dem Kind möglichst konkret vor Augen führen,  dass sie selbst sich im Alltagsleben weiterhin sicher genug fühlen und sie selbst auch keine Angst haben, beispielsweise jetzt wieder in die Innenstadt zu gehen. Kinder dürfen wissen, dass es Menschen gibt, die böse und nicht nachvollziehbare Dinge tun.  Es ist aber vor allem wichtig zu sagen, dass Menschen, die Verbrechen begehen, von Gerichten bestraft werden, und dass die Gesellschaft funktionierende Strukturen für den heilenden Umgang mit einer Katastrophe hat, wie man anhand der Arbeit der Ersthelfer und der Reaktion der Bevölkerung sehen konnte.

Für Kinder und Jugendliche, die unmittelbare Zeugen der Amokfahrt geworden sind oder bei denen nahestehende Menschen betroffen waren, bietet die Traumaambulanz der Klinik für Kinder und Jugendmedizin des UKM eine Sprechstunde  zur psychotherapeutischen Verarbeitungshilfe an Anmeldungen werden unter 0251 83-56440 entgegengenommen.
Für betroffene Erwachsene (einschl. Ersthelfer) ist die Trauma-Ambulanz der Klinik für Psychosomatik und Psychotherapie am UKM unter der Tel.-Nr. 0251-83 52 905 für kurzfristige Terminvereinbarungen erreichbar.
Der Landschaftsverband Westfalen-Lippe (LWL) sichert Betroffenen die Kostenübernahme nach dem Opferentschädigungsgesetz zu.

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