Herzlich willkommen im
Zentrum für hereditäre vaskuläre Bindegewebserkrankungen
Herzlich willkommen im
Zentrum für hereditäre vaskuläre Bindegewebserkrankungen

Über uns
Erbliche (hereditäre) Bindegewebserkrankungen sind eine Gruppe von genetischen Erkrankungen, die das Bindegewebe (v. a. Kollagen- und Fibrillinopathien) betreffen. Diese können mit und ohne Gefäßbeteiligung auftreten. Jede Erkrankung für sich ist (sehr) selten, wobei das Marfan-Syndrom mit ein bis zwei Fällen pro 100.000 Menschen zu den häufigsten gehört.
Durch die Minderbelastbarkeit kann es zu einer Vielzahl von Symptomen kommen, darunter:
- Aneurysmen
- Dissektionen
- Blutungen
- Herzklappenveränderungen
Während an vielen Unikliniken in Deutschland spezialisierte Zentren für einen Teilbereich existieren (z.B. Humangenetik oder spezialisierte Herzzentren) ist die integrierte und umfängliche Versorgung von Patient*innen mit hereditäre Bindegewebserkrankungen in Diagnostik, Therapie, Nachsorge und Beratung noch kaum bis gar nicht gegeben. Unser Zentrum soll diese Lücke füllen.
Unsere Ziele
Ziel des Zentrums für hereditäre vaskuläre Bindegewebserkrankungen ist es, die Krankenversorgung von Menschen mit hereditären Bindegewebserkrankungen und Gefäß- bzw. aortaler Beteiligung zu verbessern und langfristig zu sichern. Das Zentrum soll zudem zur regionalen und nationalen Profilbildung sowie zur Sichtbarkeit des UKM mit medizinischer, teils hochspezialisierter Maximalversorgung in diesem Bereich beitragen.
Auf der Basis der Zusammenarbeit dient das Zentrum für hereditäre vaskuläre Bindegewebserkrankungen ebenso als Plattform für eine forschungsorientierte und fachübergreifende Lehre auf dem Themengebiet hereditären vaskulären Bindegewebserkrankungen.
Hereditäre Bindegewebserkrankungen mit möglicher Gefäßbeteiligung
Einige der häufigsten hereditären Bindegewebserkrankungen können die Blutgefäße betreffen. Dazu zählen das Marfan-Syndrom, das Loeys-Dietz-Syndrom und das vaskuläre Ehlers-Danlos-Syndrom.
Das Marfan-Syndrom wird durch krankheitsrelevante (pathogene) Varianten (Mutationen) im FBN1-Gen verursacht und autosomal-dominant vererbt. FBN1 kodiert das Protein Fibrillin-1, einen Hauptbestandteil der Mikrofibrillen. Diese Mikrofibrillen sind essenziell für die Stabilität und Elastizität von Bindegewebe in den Arterien, Bändern und anderen Strukturen.
Ein Defekt im Fibrillin-1 führt zu einer Schwäche des Bindegewebes. Gleichzeitig kann dies eine Fehlregulation des Wachstumsfaktors TGF-β (transforming growth factor-beta) bewirken, was zu einer verstärkten Schädigung der Gefäßwände und zu übermäßigem Knochenwachstum führen kann.
Die Prävalenz wird weltweit auf etwa 1 von 5.000 bis 1 von 10.000 Personen geschätzt. Das bedeutet, dass in Deutschland rund 8.000 bis 16.000 Menschen betroffen sind.
Die Symptome variieren stark in ihrer Ausprägung. Die wichtigsten betroffenen Systeme sind:
Herz-Kreislauf-System
- Aortendilatation: Die Hauptschlagader (Aorta) weitet sich im Laufe der Zeit aus.
- Aortenaneurysma: Eine ballonartige Ausbuchtung der Aorta, die ein erhöhtes Risiko für einen Aortenriss (Ruptur) oder eine Aortendissektion (Einriss der Gefäßwand) birgt.
- Aortendissektion: Ein Notfall, bei dem sich die Schichten der Aortenwand voneinander lösen.
- Klappenprobleme: Häufig kommt es zu einem Mitral- oder Aortenklappenprolaps, bei dem die Herzklappen nicht mehr richtig schließen, was zu einem Blutrückfluss führen kann.
Skelettsystem
- Hochwuchs und schlanke Statur: Betroffene sind oft deutlich größer als der Durchschnitt.
- Arachnodaktylie: Sehr lange, schlanke Finger und Zehen
- Skoliose: Eine Verkrümmung der Wirbelsäule
- Brustkorbdeformitäten: Entweder eine nach innen gerichtete Einsenkung (Trichterbrust, Pectus excavatum) oder eine nach außen gewölbte Form (Kielbrust, Pectus carinatum)
- Überbewegliche Gelenke: Gelenke sind oft hypermobil.
Augen
- Linsenluxation (Ectopia lentis): Eine Verlagerung der Augenlinse, die bei über 50 % der Patient*innen auftritt und ein wichtiges diagnostisches Kriterium darstellt
- Kurzsichtigkeit (Myopie): Oft stark ausgeprägt.
- Glaukom und Katarakte: Das Risiko für diese Erkrankungen ist erhöht.
Weitere Systeme
Lunge: Erhöhtes Risiko für einen spontanen Pneumothorax (Lungenkollaps).
Zentralnervensystem: Eine Ausweitung der Dura mater (Duralektasie), der bindegewebigen Hülle des Rückenmarks.
Die Diagnose erfolgt in der Regel anhand der revidierten Ghent-Kriterien, die eine Kombination aus klinischen Merkmalen, Familienanamnese und genetischen Befunden berücksichtigen. Eine genetische Analyse kann die Diagnose bestätigen.
Der Fokus liegt auf der Prävention von Aortenkomplikationen. Medikamentöse Therapie: Betablocker (z. B. Metoprolol, Atenolol) und Angiotensin-II-Rezeptor-Blocker (ARBs) (z. B. Losartan) werden eingesetzt, um den Blutdruck und die Belastung der Aorta zu senken.
Regelmäßige Überwachung: Eine kontinuierliche Kontrolle der Aortenbreite mittels Echokardiographie, CT oder MRT ist unerlässlich.
Chirurgische Eingriffe: Bei fortschreitender Aortenerweiterung kann eine prophylaktische Aortenwurzelrekonstruktion oder ein -ersatz notwendig sein, um einen lebensbedrohlichen Aortenriss zu verhindern.
Das Loeys-Dietz-Syndrom (LDS) ist eine autosomal-dominant vererbte Bindegewebserkrankung, die sich durch eine aggressive und potenziell lebensbedrohliche Tendenz zur Bildung von Aneurysmen und Dissektionen in Arterien auszeichnet. Die geschätzte Prävalenz liegt bei weniger als 1 von 100.000 Personen.
Das LDS wird durch pathogene Varianten in Genen verursacht, die für die Signalübertragung des TGF-β-Wegs (transforming growth factor-beta) verantwortlich sind. Am häufigsten betroffen sind die Gene TGFBR1 und TGFBR2, die die Rezeptoren für TGF-β kodieren. Auch Varianten in anderen verwandten Genen wie SMAD3, TGFB2 und TGFB3 können das Syndrom auslösen.
Diese genetischen Varianten führen zu einer gestörten Regulation des TGF-β-Signalwegs, was eine Fehlentwicklung der elastischen Fasern in den Gefäßwänden zur Folge hat.
Das LDS ist durch eine besondere Kombination aus vaskulären, kraniofazialen und muskuloskelettalen Merkmalen gekennzeichnet.
Kardiovaskuläre Merkmale
Aggressive Aortenaneurysmen: Die Aorta (Hauptschlagader) und andere Arterien weiten sich frühzeitig aus.
Weit verbreitete arterielle Dissektionen: Dissektionen können in jeder Arterie des Körpers auftreten, einschließlich der Aorta, der Halsarterien, der Gehirnarterien sowie der Arterien im Bauchraum und an den Extremitäten.
Gefäßtortuosität: Die Arterien sind ungewöhnlich gewunden und geschlängelt.
Kraniofaziale Merkmale
Hypertelorismus: Weit auseinanderliegende Augen.
Gespaltenes Gaumenzäpfchen oder Gaumenspalte: Eine häufige Fehlbildung des Mundraums.
Kraniosynostose: Eine vorzeitige Verknöcherung der Schädelnähte, die zu einer abnormen Kopfform führt.
Muskuloskelettale Merkmale
Gelenküberbeweglichkeit: Die Gelenke sind oft sehr flexibel.
Skoliose und Kyphose: Abnorme Krümmungen der Wirbelsäule.
Brustkorbdeformitäten: Wie eine Trichter- oder Kielbrust.
Arachnodaktylie: Lange, schlanke Finger und Zehen (ähnlich wie beim Marfan-Syndrom).
Kutane Merkmale (Haut)
- Samtige, durchscheinende Haut mit sichtbaren oberflächlichen Gefäßen.
- Leichte Neigung zu blauen Flecken.
- Abnormale Narbenbildung.
Das Management von LDS ist multidisziplinär, lebenslang und sehr proaktiv.
Medikamentöse Therapie: Angiotensin-II-Rezeptor-Blocker (ARBs) wie Losartan sind die primäre Behandlung, da sie gezielt auf den zugrunde liegenden TGF-β-Signalweg wirken.
Chirurgische Intervention: Aneurysmen werden in der Regel bei kleineren Durchmessern operativ korrigiert (z. B. bei Aortenaneurysmen bereits ab 4,0 cm Durchmesser), um eine Dissektion zu verhindern.
Regelmäßige Bildgebung: Eine kontinuierliche Überwachung aller Arterien mittels MRT oder CT ist entscheidend.
Lebensstilmodifikationen: Strenge Vermeidung von Kontaktsportarten und anstrengender körperlicher Betätigung, die den Blutdruck stark erhöhen kann.
Das vaskuläre Ehlers-Danlos-Syndrom (vEDS), auch als Ehlers-Danlos-Syndrom Typ IV bekannt, ist eine autosomal-dominant vererbte Bindegewebserkrankung. Die geschätzte Häufigkeit liegt bei 1 von 50.000 bis 1 von 200.000 Menschen. Es ist mit einem hohen Risiko für spontane Rupturen von Arterien und inneren Organen verbunden ist.
Das vEDS wird durch pathogene Varianten im COL3A1-Gen verursacht. Dieses Gen kodiert für das Protein Typ-III-Kollagen, einen essenziellen Bestandteil des Bindegewebes, der den Wänden von Blutgefäßen, dem Darm und inneren Organen Festigkeit und Elastizität verleiht.
Genetische Varianten im COL3A1-Gen führen dazu, dass das Typ-III-Kollagen entweder fehlerhaft produziert wird oder in unzureichenden Mengen vorliegt. Infolgedessen sind die Wände der Arterien und hohlen Organe extrem dünn, zerbrechlich und anfällig für spontane, oft ohne vorherige Symptome oder äußere Einwirkung.
Gefäßsystem
Arterielle Rupturen: Am häufigsten in mittelgroßen Arterien und oft erste Manifestation.
Aneurysmen und Dissektionen: Es kann zur Bildung von Aneurysmen oder Dissektionen kommen, allerdings ist eine Ruptur oft der erste klinische Ausdruck.
Sichtbare Venen: Die Haut ist so dünn, dass oberflächliche Venen, insbesondere an Brust und Bauch, deutlich sichtbar sind.
Magen-Darm-System
- Darmperforationen
- Divertikel
Haut
- Dünne, durchscheinende Haut
- Leichtes Entstehen von blauen Flecken
- Schlechte Wundheilung
Weitere Merkmale
Akrozyanose: Bläuliche Verfärbung der Hände und Füße, besonders bei Kälte
Gesichtszüge: Oft dünne Nase, schmale Lippen und eingesunkene Wangen
Gelenke: Die Gelenküberbeweglichkeit ist im Vergleich zu anderen EDS-Typen meist weniger ausgeprägt und betrifft oft nur kleine Gelenke.
In der Schwangerschaft: Frauen mit vEDS haben ein extrem hohes Risiko für einen Uterus- oder Gefäßriss während der Schwangerschaft oder Geburt.
Die Diagnose basiert auf klinischen Anzeichen, einer detaillierten Familienanamnese und wird durch eine genetische Untersuchung des COL3A1-Gens bestätigt. Der Fokus liegt auf der Prävention lebensbedrohlicher Komplikationen.
Lebensstil: Vermeidung von Kontaktsportarten, schwerem Heben und allen Aktivitäten, die den Blutdruck stark erhöhen.
Medikamentöse Therapie: Betablocker wie Celiprolol werden häufig eingesetzt.
Chirurgische Eingriffe: Eingriffe sind aufgrund der Gewebezerbrechlichkeit hochriskant. Sie werden meist nur in Notfällen bei Rupturen oder bei kritisch wachsenden Aneurysmen
Neben diesen gibt es noch weitere hereditäre Erkrankungen, deren Ausprägung noch nicht so detailliert beschrieben sind und auf Varianten in verschiedenen anderen Genen beruhen. Diese werden als nicht-syndromale oder familiäre Erkrankungen zusammengefasst und umfassen Varianten z.B. in ACTA2, MYH11, MYLK, PRKG1, MAT2A, MFAP5, FOXE3, THSD4, SMAD, LOX 22. Alle genannten Gene kodieren entweder direkt für Wandkomponenten der Aorta oder wandmodifizierende Proteine (z.B. LOX, Degradierung von Kollagen oder Elastin, Komponenten des TGF-β-Signalwegs).
Unsere 4 Säulen der Versorgung
Diagnostik
Wir bieten die gesamte genetische und kardiovaskuläre Diagnostik mittels Ultraschall inkl. Herzecho, aber auch CT und MRT und die humangenetischen Abklärungen an. Bei speziellen Fragestellungen kommen Durchleuchtungstechniken des Herzens, der Aorta und der restlichen Gefäße zum Einsatz.
Beratung
Im Rahmen der Behandlung erfolgt eine umfassende, individuell abgestimmte Beratung der erkrankten Person. Auch das familiäre Umfeld wird einbezogen.
Therapie
Durch den Zusammenschluss aller notwendigen konservativen, interventionellen und operativen Fächer im Herz- und Gefäßbereich kann das gesamte Spektrum aller betroffenen vaskulären Abschnitte in allen Altersklassen konservativ, interventionell und offen operativ hochkompetent abgedeckt werden.
Nachsorge
Da es sich bei den hereditären vaskulären Bindegewebserkrankungen um Systemerkrankungen handelt, kann jede invasive Behandlung nur auf den akut versorgungspflichtigen Bereich fokussieren. Die Nachsorge ist dennoch ein elementarer Pfeiler der Gesamtbehandlung.
Aufgaben in der Krankenversorgung
Die klinischen Aufgaben des Zentrums für hereditäre vaskuläre Bindegewebserkrankungen umfassen die Sicherstellung und standardisierte medizinische Versorgung aller Patient*innen mit entsprechenden Erkrankungen, die am UKM bzw. externen Mitgliedseinrichtungen behandelt werden.
Mit einer nach gemeinsamen Kriterien organisierten Diagnostik, Therapie, Beratung, Begleitung und Nachsorge sowie modernen Strategien zur Frühbehandlung strebt das Zentrum eine umfassende medizinische Versorgung auf höchstem klinischen Niveau an.
Durch enge Kooperation, Austausch im Rahmen von Fallkonferenzen und Einbindung der gesamten medizinischen Versorgungskette wird die umfassende Betreuung von Patient*innen mit hereditären vaskulären Bindegewebserkrankungen nachhaltig gefördert.
Ihr Kontakt zu uns
Für Patient*innen
Als Patient*in erreichen Sie uns über unsere Patientenlots*innen:
+49 251 83-45780
bindegewebszentrum(at)ukmuenster.de
Die Patientenlots*innen organisieren direkt einen Termin in der zuständigen Sprechstunde.
Für internationale Anfragen: ctd(at)ukmuenster.de
Für Zuweisende
Dringende Notfälle melden Sie bitte über die Notfallambulanz des UKM.
Elektive Vorstellung über unsere Patientenlots*innen:
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Medizinischer Bildversand am UKM
Wir bieten Ihnen die Möglichkeit, Bilddaten elektronisch an das UKM zu übermitteln.
Zentrum für hereditäre vaskuläre Bindegewebserkrankungen
Mitglieder des Zentrums:
Klinik für Herz- und Thoraxchirurgie, inkl. Sektion Kinderherzchirurgie
Klinik für Kardiologie III: Angeborene Herzfehler (EMAH) und Klappenerkrankungen
Klinik für Kinder- und Jugendmedizin – Pädiatrische Kardiologie
