Früh- und Neugeborenenchirurgie
Viele angeborene Fehlbildungen lassen sich bereits intrauterin im Ultraschall erkennen. Wenn Ihr Frauenarzt eine Auffälligkeit im Rahmen einer Routine-Ultraschalluntersuchung findet, dann folgt in der Regel die Überweisung in ein spezielles Perinatalzentrum, in dem alle personellen und materiellen Möglichkeiten vorhanden sind, Ihr Kind vor, während und nach der Geburt adäquat zu betreuen. Hierzu gehört eine enge Zusammenarbeit zwischen dem Pränataldiagnostiker, d.h. dem Fachmann, der hier die vorgeburtliche Untersuchung und Beratung übernimmt, dem Neonatologen, der das Kind nach der Geburt, z.B. auf der Intensivstation, internistisch betreut, sowie dem Kinderchirurgen, der für die evtl. notwendige, operative Versorgung des Kindes da ist. Bereits vor der Geburt werden wir zusammen mit Ihnen das besprechen, was wahrscheinlich nach der Geburt notwenig wird, um Ihr Kind optimal zu versorgen.
Im Folgenden finden Sie eine Zusammenstellung der wichtigsten kinderchirurgischen Fehlbildungen und Erkrankungen im Neu- bzw. Frühgeborenenalter
Eine Schwangerschaft dauert 40 Wochen. Werden Kinder vor der vollendeten 37 . Schwangerschaftswoche (SSW) geboren, spricht man von einem Frühgeborenen. Die Grenze zur Lebensfähigkeit eines Frühgeborenen liegt um die 22. SSW, und Kinder, die schon so früh entbunden werden mussten, sind – trotz modernster Intensivmedizin – Risiken ausgesetzt. Diese Risiken betreffen vor allem die Entwicklung von Gehirn, Lunge und Augen. Es gibt besondere Infektionen des Frühgeborenen, die den Darm betreffen und bei denen eine Operation nicht immer vermieden werden kann. Die Abteilung für Kinderchirurgie des UKM ist sowohl personell, als auch apparativ dafür ausgerüstet, auch sog. Extremfrühgeborene operativ versorgen zu können.
Bei Fehlbildungen z.B. des Magen-Darmtraktes, die angeboren sind und zum Teil bereits im Schwangeren-Ultraschall erkannt werden können, ist meist eine operative Korrektur erforderlich, um zum Beispiel die Durchgängigkeit eines Darmabschnittes wieder herzustellen. Zuvor erfolgt schon im Rahmen der vorgeburtlichen Ultraschalldiagnostik eine ausführliche Beratung der Eltern.
Ösophagusatresie
Bei der Ösophagusatresie handelt es sich um einen angeborenen Verschluss der Speiseröhre. Man unterscheidet hier die reine Unterbrechung der Kontinuität, bei der die jeweils blind endenden oberen und unteren Stümpfe unterschiedlich weit voneinander entfernt liegen. Daneben kommt es häufig zu einer zusätzlichen Verbindung zur Luftröhre (Fistel), die in den meisten Fällen vom unteren Stumpf ausgeht. In vielen Fällen fallen Kinder mit einer Ösophagusatresie nach der Geburt dadurch auf, dass sie vermehrt speicheln und Atemnot haben. Stößt man beim Versuch, eine Magensonde durch Mund oder Nase des Kindes zu legen, auf einen federnden Widerstand, ist die Ösophagusatresie praktisch bewiesen, die Bestätigung erfolgt durch eine Röntgenaufnahme. Die Ösophagusatresie kommt mit einer Häufigkeit von ca. 1:4000 vor und ist mitunter kombiniert mit anderen Fehlbildungen, die z.B. die Anlage der Wirbelsäule, des Anus, des Herzens, der Luftröhre, der Nieren und der Extremitäten, also Arme und Beine, betreffen können. Meist können die begleitenden Fehlbildungen pränatal im Ultraschall gesehen werden. Die Ösophagusatresie selbst ist dabei schwierig festzustellen und oftmals nur indirekt durch die fehlende Darstellung der Magenblase des Kindes oder ein Polyhydramnion verdächtig.
Nach der Wiederherstellung der Durchgängigkeit der Speiseröhre wird eine Sonde über die Nahtstelle eingelegt, die diese zum einen schient, zum anderen die Kinder ernähren lässt. Diese Sonde wird nach ca. 10 Tagen unter Röntgenkontrolle mit Kontrastmittel entfernt. Dann lässt sich feststellen, ob die Naht Undichtigkeiten zeigt. Ist das nicht der Fall, kann mit der oralen Fütterung der Kinder begonnen werden. Zeigt sich eine Undichtigkeit, wird noch ca. 2 bis 3 Wochen mit dem oralen Kostaufbau gewartet. In dieser Zeit verschließen sich viele Leckagen von selbst, so dass eine erneute Operation meist vermieden werden kann. Die Nahtstelle kann sich aber auch einengen, mitunter soweit, dass Nahrung die Speiseröhre nicht mehr passieren kann. In diesen Fällen wird eine Spiegelung der Speiseröhre vorgenommen, bei der die Engstelle mit einem Ballon aufgedehnt wird. Dieser Vorgang muss meist einige Male wiederholt werden, bis die Speiseröhre dauerhaft weit bleibt. Letztlich haben alle Ösophagusatresie-Patienten einen, mehr oder weniger ausgeprägten, gastroösophagealen Reflux, d.h. eine erhöhte Neigung dafür, dass Magensäure zurück in die Speiseröhre läuft und dadurch die Schleimhaut reizt.
Duodenalatresie
Bei der Duodenalatresie handelt es sich um eine Unterbrechung der Kontinuität im Bereich des Zwölffingerdarms, also des obersten Abschnitts des Dünndarms, unmittelbar hinter dem Magenausgang. Wie die meisten Fehlbildungen des Magen-Darm-Traktes liegt die Häufigkeit für das Auftreten einer Duodenalatresie zwischen 1:4000 und 1:8000. In einer erhöhten Zahl der Fälle kommt die Duodenalatresie in Zusammenhang mit Syndromen vor, z.B. dem Down Syndrom (30%)
- "Echte" Atresie: vollständige Unterbrechung des Darmlumes, welches regelrecht zugewachsen ist.
- Membran: Verlegung des Darmlumens durch ein dünnes Häutchen. Dieses kann in seiner Mitte auch noch einen kleinen Durchgang haben.
- Pancreas annulare: Durch einen Anlagefehler der Bauchspeicheldrüse drückt diese von aussen das Lumen des Duodenums zu.
- Ladd´sche Bänder: Hier komprimieren bindegewebige Zügel ebenfalls von aussen das Duodenum.
Bereits vorgeburtlich kann der Verdacht auf das Vorliegen einer Duodenalatresie geäußert werden, wenn ein Polyhydramnion besteht und sich sonografisch im Kind eine vermehrte Flüssigkeitsansammlung im Magen und oberen Teil des Duodenums zeigt, welche durch den Magenpförtner unterbrochen ist. Diese charakteristische Darstellung von zwei flüssigkeitsgefüllten „Blasen“ (nach der Geburt sammelt sich an diesen Stellen Luft) nennt man auch „double bubble“.
Um die Passage des Magen-Darm-Traktes wieder durchgängig zu machen, muss das Kind operiert werden. In der Regel ist es aber nicht notwendig, die OP sofort am Geburtstag durchzuführen, sondern es ist ausreichend, dieses einige Tage später zu tun. Dann hatte das Neugeborene auch ausreichend Zeit, sich an die Verhältnisse nach der Geburt anzupassen. Die Therapie erfolgt dann in Abhängigkeit von der zugrunde liegenden Ursache: Handelt es sich nur um Einengungen von aussen, die durch Ladd’sche Bänder verursacht werden, reicht es, diese zu durchtrennen und so das Duodenum wieder freizugeben. Bei einer echten Atresie oder einem Pancreas annulare wird die Einengung einfach umgangen, in dem der Teil des Duodenums, der unterhalb der Einengung liegt, mit dem Teil, der vor der Einengung liegt, verbunden wird. Der Grund, warum die Engstelle nicht einfach ausgeschnitten und die verbleibenden Enden wieder miteinander vernäht werden (so würde man in der Regel mit Atresien des restlichen Dünndarms verfahren) liegt darin, dass auf Höhe der Duodenalatresie der gemeinsame Gallen- und Bauchspeicheldrüsengang in den Zwölffingerdarm mündet und hier nicht verletzt werden darf. Nach der Operation ist in der Regel ein zeitnaher Kostaufbau möglich.
Dünndarmatresie
Atresien im weiteren Verlauf des Dünndarmes entstehen in der Regel intrauterin durch einen „Gefäßzwischenfall“. So kann z.B. ein kleines Gerinnsel dazu führen, das ein umschriebener Teil des Darmes nicht mehr ausreichend mit Blut versorgt ist. Was bei einem älteren Kind oder Erwachsenen zu einem Darminfarkt führen würde, der ein Notfall ist, verläuft beim Ungeborenen intrauterin meist ab, ohne das es durch die Mutter überhaupt registriert wird. So gibt es meist auch kaum eine Möglichkeit, eine Dünndarmatresie im vorgeburtlichen Ultraschall sicher zu erkennen.
Die Kinder fallen erst nach der Geburt durch die Zeichen eines Darmverschlusses auf. Je nach Höhe der Unterbrechung ist der Bauch in unterschiedlichem Ausmaß gebläht, es wird kein oder nur wenig Mekonium abgesetzt und es stellt sich Erbrechen ein, welches zunehmend gallig und evtl. sogar stuhlig wird.
Auch hier ist eine Operation unvermeidbar. Meistens ist der Darm vor der Unterbrechung in unterschiedlichem Ausmaß erweitert, so dass intraop. entschieden wird, ob, nach Ausschneiden der Engstelle, beide Darmenden wieder direkt miteinander vernäht werden, oder ob vorübergehend ein künstlicher Darmausgang gelegt werden muss, wenn z.B. die Differenz der Durchmesser zwischen dem vor und nach der Atresie gelegenen Darmabschnittes zu groß ist. Ein solches protektives Stoma dient zum Schutz und wird meist nach 3 bis 4 Monaten wieder zurückverlegt. Nach der operativen Korrektur kann es etwas dauern, bis der Darmtrakt wieder funktioniert, vor allem, wenn die Kontinuität des Darmes erhalten wurde. Das zeigt sich dann am Kostaufbau, der postop. in unterschiedlichem Ausmaß vertragen wird und meist schneller funktioniert, wenn ein protektives Stoma angelegt wurde. In der Regel erholen sich die Kinder nach der Operation aber zeitnah und auch längerfristige Ernährungsprobleme sind meist nicht zu erwarten.
Es gibt aber Ausnahmefälle, in denen mehrere Atresien des Darmes vorliegen, teilweise sogar mehr als 10. Da jede einzelne Atresie bereits durch ihre Entstehung mit einem Verlust an Darmlänge einhergeht und durch die Operation zusätzlich Darm reseziert werden muss, kann es sein, dass die abschließende Darmlänge bei multiplen Atresien zu kurz wird, um eine ausreichende Menge an Nähstoffen über die orale Ernährung aufzunehmen. In solchen Fällen spricht man von einem Kurzdarmsyndrom, bei dem die Ernährung dann teilweise oder vollständig durch spezielle Nährlösungen, die intravenös verabreicht werden, erfolgt. In diesen Fällen liegt das besondere Augenmerk auf der möglichst optimalen Stimulierung des verbliebenen Darmes mit dem Ziel, letztlich doch eine vollständige Ernährbarkeit auf oralem Weg zu erreichen. Auch lassen sich, abhängig vom Einzelfall, Darm verlängernde Operationen durchführen, sowie mitunter auch eine Transplantation von Darm.
Analatresie
Die Analatresie ist eine Fehlanlage des Anus, die mit einer Häufigkeit von ca. 1:4.000 auftritt. Die Diagnose lässt sich in der Regel erst nach der Geburt im Rahmen der Erstuntersuchung stellen. Hierbei fällt auf, dass die eigentliche Analöffnungsstelle verschlossen ist. Wie bei den meisten Fehlbildungen des Magen-Darm-Traktes kommt auch die Analtresie gehäuft im Zusammenhang mit weiteren Fehlbildungen vor (z.B. Herzfehlbildungen, Nierenfehlbildungen).
Unterteilt werden die Analatresien – abhängig vom Geschlecht – nach dem Vorliegen einer Fistel.
Jungen
Hier besteht eine Fistelverbindung zum Damm. Da diese mitunter so groß ist, dass sie wie ein Anus imponiert, der nur etwas weiter zum Damm/Skrotum verlagert ist, spricht man hier auch vom „anterior anus“. Ist die Fistel groß genug, dass Mekonium und Stuhl problemlos abgesetzt werden können, kann mit der operativen Versorgung abgewartet werden. Meist lässt sich diese Fistel auch aufdehnen, um das Absetzen von Stuhl weiter zu erleichtern. Bei der operativen Korrektur, die in den nächsten Wochen folgt, wird die Fistel ausgelöst, sparsam reseziert und der Darm wieder an seine eigentliche Öffnungsstelle ins Zentrum des Schließmuskelrings zurück versetzt. Die genaue Position innerhalb des Sphinkters wird durch Reizstrom ermittelt.
Bei dieser Form der Analatresie ist der Anus blind verschlossen und es besteht eine kleine Gangverbindung zur Harnröhre, die in unterschiedlicher Höhe in diese einmünden kann. Prinzipiell gilt, dass, je weiter die Einmündungsstelle zur Blase gelegen ist, desto aufwändiger die operative Korrektur. Mitunter wird etwas Mekonium über die Harnröhre abgesetzt, eine vollständige Stuhlentleerung über Fistel und Harnröhre ist aber nicht möglich und aufgrund des Infektrisikos auch nicht sinnvoll. Bei diesen Formen wird zunächst untersucht, wie weit das Ende des Rektums von der eigentlichen Analöffnungsstelle entfernt ist. Das geschieht rel. einfach durch eine Röntgenaufnahme im seitlichen Strahlengang. Die Analöffnungsstelle wird markiert, so dass sie auf dem Röntgenbild sichtbar ist und der Abstand zum luftgefüllten, und somit ebenfalls sichtbaren, Rektum kann gemessen werden. Nach Abklärung, ob weitere Fehlbildungen vorhanden sind, erfolgt hier zunächst die Anlage eine künstlichen Darmausgangs. Das sorgt dafür, dass der Stuhl künftig problemlos abgesetzt werden kann, der Enddarm mit Fistel aber nicht mehr mit Stuhl befüllt ist. Das senkt auch die Gefahr einer Harnwegsinfektes. Die eigentliche Korrekturoperation folgt dann einige Monate später, der künstliche Darmausgang wird dabei meist belassen und in einer dritten Operation zurückverlegt, wenn der Anus eingeheilt ist. Mitunter ist es aber auch möglich, den Anus praeter schon während der Rekonstruktionsoperation zurückzulegen, dieses wird im Einzelfall entschieden.
Das grundsätzliche Vorgehen bei dieser Form, bei der die Gangverbindung direkt zur Harnblase besteht, ist ähnlich dem bei rektrourethraler Fistel, also Diagnostik und Anlage eines Anus praeters. Die Korrekturoperation ist aber komplexer, da es in diesen Fällen häufig nicht möglich ist, die gesamte Operation vom Damm aus durchzuführen, sondern, zur Versorgung der Fistel, auch eine zusätzlicher operative Zugang über den Bauch erfolgen muss. Dieses kann zumeist laparoskopisch durchgeführt werden. Wichtig ist ein sicherer Verschluss und Resektion der Fistel. Der eigentliche Durchzug des Darmes und die Annaht innerhalb des Schließmuskelkomplexes, der bei dieser Form meist nur spärlich angelegt ist, erfolgt dann wieder analog zum Vorgehen bei rektourethraler Fistel.
Mädchen
Ähnlich der Form beim Jungen liegt hier die sichtbare Analöffnung außerhalb des Schließmuskelkomplexes sehr nah an der Scheide. Wenn sichergestellt ist, dass das Mekonium bzw. der Stuhl hierüber problemlos abgesetzt werden kann, kann die Korrekturop. zeitnah einige Wochen später erfolgen.
Hier liegt die Fistel ebenfalls noch sichtbar im Eingang der Scheide, dem Vorhof oder Vestibulum. Beim Aufspreizen der Schamlippen lässt sich die Fistelöffnung innerhalb der Schleimhaut erkennen. Diese kann so groß sein, dass das vollständige Absetzen des Mekonium hierüber erfolgt, von außen entsteht der Eindruck, der Stuhl würde direkt über die Scheide abgesetzt. Hier besteht ein hohes Risiko für einen Harnwegsinfekt, so das diese Form der Analatresie entweder (bei sonst gesundem, reifen Kind) direkt operativ korrigiert wird, oder zunächst ein künstlicher Darmausgang angelegt wird, so dass der Stuhl vorher abgeleitet wird und nicht direkt in die Scheide läuft. Die Korrekturoperation erfolgt in diesen Fällen dann einige Monate später (analog zum Vorgehen bei rektourethralen/rektovesikalen Fisteln beim Jungen).
Diese Form, bei der die Fistel direkt in die Vagina einmündet, ist sehr selten, da in der überwiegenden Mehrzahl der Fälle, bei denen Stuhl über die Scheide abgesetzt wird, die Fistel in Vestibulum führt. Bei diesen Formen wird zunächst ein Anus praeter angelegt und die Korrekturop. einige Monate später durchgeführt. Fisteln zu Harnröhre oder Harnblase kommen beim Mädchen eigentlich nicht vor, da hier Vagina (und Uterus) zwischen Harnröhre und Blase liegen und die Fistel deshalb vorher hier einmündet. Ebenfalls selten sind Formen ohne Fistel (beim Jungen und beim Mädchen), bei denen der Abstand des blind endenden Rektums zur Analöffnungsstelle entscheidet, ob eine operative Korrektur sofort nach der Geburt möglich ist, oder ob auch hier zunächst ein künstlicher Darmausgang angelegt werden muss.
Gastroschisis
Bei der Gastroschisis handelt es sich um eine Entwicklungsstörung der vorderen Bauchwand, bei der, meist rechts vom Nabel gelegen, ein wenige cm durchmessender Defekt besteht. Dieser Defekt tritt mit einer Häufigkeit vom 1 auf 2000 bis 3000 Geburten auf. Die Ursache ist unklar, als Risikofaktoren werden Rauchen, Alkohol- und Drogenkonsum in der Schwangerschaft diskutiert, bewiesen ist aber auch das nicht. Auffallend ist darüber hinaus das oft sehr junge Alter der Mütter.
Die Gastroschisis fällt bereits früh in der Schwangerschaft bei einer Ultraschalluntersuchung auf, weil durch den Defekt in der Bauchwand des Kindes Darmschlingen in die Fruchtwasserhöhle vorfallen und dort dann sonografisch darstellbar sind. In 10% aller Fälle liegen weitere Fehlbildungen vor, die sich meist auf den Magen-Darm-Trakt beziehen (z.B. Dünndarmatresie, Mekoniumileus), ansonsten sind die Kinder meist normal entwickelt und auch chromosomale Auffälligkeiten liegen nicht vor. Hauptproblem während der Schwangerschaft ist, vor allem im letzten Trimenon, die zunehmend schädliche Wirkung des Fruchtwassers auf die Darmschlingen. Wir werden, zusammen mit den Pränatalmedizinern und Neonatologen, besprechen, wann der optimale Zeitpunkt für die Entbindung ist, die bei uns in der Regel durch Kaiserschnitt erfolgt. Wir planen die Entbindung im Bereich der 36./37. SSW, ab der 34. SSW würden wir einsetzende Geburtsbestrebungen zulassen, da ab diesem Bereich der Fetus bereits weit genug entwickelt ist.
Die Planung der Therapie ist abhängig vom Zustand des Darmes. Idealerweise ist der Darm nur wenig entzündet, ausreichend mobil und elastisch, um, unter Narkosebedingungen, direkt wieder in der Bauchhöhle des Kindes zurückverlagert werden zu können. Mitunter ist der Darm aber durch die Lage im Fruchtwasser deutlich geschädigt: Die Darmwände sind verdickt und entzündet, die Darmschlingen untereinander verbacken und mit einer festen Schicht überzogen. In diesen Fällen ist eine direkte Verlagerung nicht möglich, so dass zunächst ein sog. Silobag angelegt wird. Hierbei handelt es sich im einen kleinen Silionbeutel, in den die Darmschlingen verlagert werden und der unter der Bauchwand des Kindes verankert wird. Über die folgenden 7 bis 10 Tage bildet sich die Entzündung im Darm zurück, die Darmschlingen werden dünner und mobiler, so dass – im Idealfall – der Darm am Ende ganz abgesunken ist und in einer dann folgenden Operation der endgültige Bauchdeckenverschluss erfolgen kann. Da sich zu diesem Zeitpunkt der Zustand deutlich stabilisiert hat, lässt sich jetzt auch genau untersuchen, ob evtl. eine begleitende Darmatresie vorliegt, die evtl. die Anlage eines künstlichen Darmausgangs erforderlich macht.
Die Prognose eines Kindes mit Gastroschisis ist, selbst bei Vorliegen einer begleitenden Fehlbildung, wie z.B. einer Darmatresie, sehr gut. Es dauert allerdings mitunter sehr lang, bis der Kostaufbau abgeschlossen werden kann. Anschließend erinnert aber lediglich eine kleine Narbe am Bauchnabel an das Krankheitsbild.
Omphalozele
Die Omphalozele ist, ähnlich der Gastroschisis ein Defekt der vorderen Bauchwand. Allerdings liegt hier nicht ein direktes „Loch“ in der Bauchdecke vor, sondern es besteht im Wesentlichen ein sehr großer Nabelbruch. In der Frühschwangerschaft kommt es natürlicherweise zu einem Vorfall der Darmschlingen in die Nabelschnur, im in der Bauchhöhle des Embryos Platz zu machen für die Entwicklung der soliden Organe, wie z.B. die Leber. Anschließend folgt wieder die schrittweise, spontane Rückverlagerung des Darmes in die Bauchhöhle, bei der dieser auch seine charakteristischen Drehungen vollzieht. Bei der Omphalzele bleibt dieser Schritt aus, zusätzlich können weitere Organe, wie z.B. die Leber, ebenfalls in die Nabelschnur vorfallen, so dass man dann auch von einer Hepatoomphalozele (Hepar = Leber) spricht.
Die Häufigkeit dieser Fehlbildung liegt etwa bei 1 auf 5000 Geburten und ist somit etwas geringer, als die Gastroschisis. Das mütterliche Alter bei der Omphalozele ist meist höher und es liegen in bis zu 70% begleitende Fehlbildungen vor, die prinzipiell alle Organsysteme betreffen können. Auch chromosomale Veränderungen können auftreten. Da hier die vorgefallenen Organe noch innerhalb der Nabelschnur liegen, sind diese vor der schädigenden Einwirkung des Fruchtwasser geschützt, so dass hier eine Entbindung auch am Termin vorgenommen werden kann, aus mütterlicher und/oder kindlicher Indikation meist aber etwas früher erfolgt. Die Omphalozele lässt sich bereits früh in der Schwangerschaft diagnostizieren. Besonders wichtig ist hier die möglichst vollständige Erfassung aller begleitenden Fehlbildungen, um die Familie korrekt beraten zu können. Die Größe des Defektes und die Menge und Art der vorgefallenen Organe sind hinsichtlich der Prognose, die ein Kind mit Omphalozele hat, eher nachrangig.
In unserer Klinik ist der primäre Bauchdeckenverschluss bei einer großen (Hepato-)Omphalozele nicht die Therapie der Wahl. Wenn die Nabelschnur intakt ist und nicht vor oder unter der Geburt reisst, dann erfolgt eine Stabilisierung der Nabelschnurhaut unter einem regelmäßigen Verbandsmanagement. In der Regel im 2tägigen Rhythmus werden die Verbände dann gewechselt. Die Nabelschnurhaut verdickt sich zunächst und wird anschließend bindegewebig umgebaut. Zeitgleich wächst die gesunde Haut am Rand weiter um den Omphalozelensack herum. Meist dauert es einige Monate, bis die gesamte Wand vollständig vernarbt bzw. überhäutet ist (Bilderstrecke ompha). Der stationäre Aufenthalt dauert allerdings nur so lange, bis das Kind stabilisiert und die Wand der Omphalozele reizlos gefestigt ist. Die Verbandtechnik wird durch die Eltern erlernt und dann zuhause fortgeführt. Wiedervorstellungen finden in regelmäßigen Abständen in unserer Ambulanz statt.
Bis zum Abschluss des 2. Lebensjahres wird dann der erste Schritt der Bauchdeckenplastik geplant. Ziel ist es, die vordere Bauchwand zu stabilisieren, in dem die seitlich verdrängte, gerade Bauchdeckenmuskulatur wieder zur Mitte verlagert wird. Hierbei kommt es dann auch zur Reposition der Organe im Abdomen. Da die Distanz der Muskelränder und somit der Durchmesser des Defektes nicht selten größer als 10 cm ist, lässt sich die vollständige Verlagerung der Muskelränder meist nicht in einer Operation durchführen, sondern wird auf zwei, selten drei operative Schritte aufgeteilt. Die Überbrückung der verbleibenden Restlücke erfolgt dann mit prostethischem Material, z.B. einem Netz, welches umgebaut wird und die Bauchwand dann zusätzlich stabilisiert. Die Folgeoperationen werden, falls erforderlich, dann individuell geplant und sind meist bis zum 5./6. Lebensjahr abgeschlossen.
Morbus Hirschsprung
Der Morbus Hirschsprung ist durch einen fehlerhaften Aufbau des Nervensystems des Darmes charakterisiert. Es fehlen die sogenannten Ganglienzellen innerhalb der Darmwand, deren Aufgabe es im Wesentlichen ist, für eine geordnete Peristaltik und Entleerung des Darmes zu sorgen. Speziell die Stuhlentleerung, angefangen vom sensorischen Stuhlreiz bis zur motorischen Entleerung, ist ein hochkomplexer Prozess, der ohne diese Ganglienzelle nicht funktionieren kann.
Die Entstehung, deren eigentliche Ursache noch unbekannt ist, liegt früh in der Embryonalentwicklung. Etwas in der 6. Schwangerschaftswoche beginnt das Einsprossen der Ganglienzellen im Rahmen der Entwicklung des eigenen (=autonomen) Nervensystems des Darmes. Dieses Einsprossen verläuft kontinuierlich vom oberen zum unteren Gastrointestinaltrakt, so dass, meist in der 12. Schwangerschaftswoche, die Ganglienzellen den Enddarm erreicht haben. Beim Morbus Hirschsprung stoppt dieses Einsprossen im Verlauf, so dass der Enddarm nicht erreicht wird und der Darm, von der Stelle des Stopps bis zum Anus, keine Ganglienzellen erhält. Auch die Schließmuskulatur, der sog. Sphinkterkomplex, verfügt nicht über Ganglienzellen. Das führt vor dem betroffenen, aganglionären Abschnitt, der nur wenige cm lang sein kann, zu einem Stuhlstau und in der Folge zu einer (sekundären) Erweiterung.
Die Krankheit kommt mit einer Häufigkeit von ca. 1:5000 Geburten vor, Knaben sind dabei häufiger betroffen, als Mädchen (Verhältnis M:W etwa 4:1). Das Auftreten ist überwiegend sporadisch, in ca. 10% aller Fälle bestehen eine familiäre Häufung und dann meist auch relevante Begleitfehlbildungen (z.B. Trisomie 21, Herzfehler, …).
Die Klinik beim M. Hirschsprung kann so unterschiedlich sein, dass dieser mitunter erst nach einigen Monaten, manchmal sogar Jahren, diagnostiziert werden kann. Es wird hier der frühe, rasche Beginn noch in der Neugeborenenphase vom dem späteren, langsamen Beginn unterschieden. Beim frühen Beginn ist ein erstes Zeichen bereits das verspätete Absetzen von Mekonium, sowie eine allgemeine Gedeihstörung der Kinder. Stuhl wird meist nur in Zusammenhang mit analer Stimulation (Einlauf, Reiz mit Fieberthermometer) abgesetzt. Bei der späten Form handelt es sich meist um eine – bislang erfolglos behandelte – chronische Verstopfung.
Die grundsätzliche Therapie besteht in der chirurgischen Entfernung des Darmabschnitts, der keine Ganglienzellen trägt. Handelt es sich um ein Neugeborenes mit der frühen Form, dann ist entscheidend, ob ein regelmäßiges Absetzen von Stuhl erreichbar ist, oder nicht. Setzt das Kind unter analer Stimulation regelmäßig Stuhl ab, wächst und gedeiht, dann kann meist auf einen künstlichen Darmausgang verzichtet werden. Ist das nicht der Fall oder liegen erschwerende Nebenerkrankungen vor, ist es nicht immer vermeidbar, zunächst einen künstlichen Darmausgang anzulegen, bis das Kind alt genug für die eigentliche Operation ist. Diese findet in der Regel innerhalb des ersten Lebensjahres statt. Auch bei der späten Form kann es zunächst von Vorteil sein, einen künstlichen Darmausgang anzulegen, vor allem, wenn der oberhalb des Hirschsprung-Segmentes gelegene Darm übermäßig erweitert ist. Meist erfolgt hier aber – nach Diagnosestellung – die eigentliche operative Korrektur. Zuvor erfolgt weitere Diagnostik zur Bestätigung der Diagnose. Neben einem Colonkontrasteinlauf, der sowohl das enggestellte, aganglionäre Segment, als auch die vorgeschaltete, sekundäre Erweiterung des Darmes zeigt, sichert eine von anal entnommene Schleimhautbiopsie die Diagnose.
Die Resektion erfolgt vorzugsweise nach „de-la-Torre“. Hierbei wird versucht, die gesamte Entfernung des aganglionären Darmes über einen analen/perinealen Zugang durchzuführen. Evtl. ist es erforderlich, dieses über einen zusätzlichen Zugang zum Bauch zu unterstützen (als laparoskopisch unterstütze Resektion nach de-la-Torre). Nach der Operation ist zunächst mit einem sprunghaften Anstieg der Stuhlfrequenz zu rechnen. Im Laufe der nächsten Wochen und Monate wird sich dieses aber zunehmend regulieren. Bei optimalen Verläufen stellt sich dann ein ganz normales Stuhlverhalten ein. Häufiger ist jedoch, dass, auch nach der Resektion des aganglionären Darmes, weiterhin unterschiedlich stark ausgeprägte Störungen der Stuhlentleerung bestehen. Diese sind allerdings in den meisten Fällen konservativ beherrschbar. Ist dies nicht der Fall, muss geprüft werden, ob nicht noch ein kleiner Rest aganglionären Darmes verblieben und somit eine Reoperation erforderlich ist
Nekrotisierende Entercolitis (NEC)
Eine nekrotisierende Enterocolitis ist eine entzündliche Erkrankung des Gastrointestinaltraktes, die zusammenhängend den gesamten Darm oder fleckförmig einzelne Areale betreffen und dort Schäden bis zur totalen Nekrose verursachen kann. Die NEC ist dabei kein isoliertes Problem des Darmes, sondern eine systemische Erkrankung mit schweren Auswirkungen auf den Gesamtorganismus. Hautsächlich betroffen (in ca. 90% aller Fälle) sind unreife Frühgeborene, aber auch bei Reifgeborenen kann die Erkrankung auftreten.
Risikofaktoren zur Entwicklung einer NEC
Frühgeburtlichkeit - 75% alle NEC-Fälle liegen unter 1500g GG und 36 SSW
Geburtsgewicht unter 2000g
Fütterung mit Formelnahrung (protektiver Effekt von Muttermilch) - Inzidenz: 6,2% vs. 2,1
Allg. Keim- und Toxinbelastung
Peri-/postpartaler Stress
Die eigentliche Ursache einer nekrotisierenden Enterokolitis ist nicht bekannt, aber es besteht ein eindeutiger Zusammenhang mit der oralen Ernährung, denn eine NEC kommt z.B. intrauterin oder vor Beginn der oralen Ernährung quasi nicht vor. Allerdings ist – auch und gerade beim Frühgeborenen – ein früher Beginn mit oraler Ernährung ganz wesentlich für die Entwicklung des Magen-Darm-Traktes und des gesamten kindlichen Organismus. Und nicht jedes Frühgeborenes entwickelt im Verlauf des Kostaufbaus eine NEC, die Zahlen sind hier unterschiedlich, aber man geht davon aus, dass nur 1% - 8% aller sehr kleinen Frühgeborenen (unter 1500 gr. Geburtsgewicht) eine NEC entwicklen.
Der typische Beginn einer NEC liegt einige Tage nach der Geburt, mitunter vergehen 2 bis 3 Wochen, in denen sich das Frühgeborene gut entwicklet. Dann zeigen die Kinder plötzlich häufigere Bradykardien, d.h. Abfälle der Herzfrequenz, sie werden zunehmend empfindlich und temperaturinstabil und auch die Blutwerte verändern sich und drücken die beginnende, akute Entzündung aus. Die Magenreste steigen, evtl. Erbrechen die Kinder. Der Stuhl wird blutig, der Bauch gebläht, glänzend und zeigt mitunter eine rötlich-livide Verfärbung.
Die grundsätzliche Therapie der NEC ist zunächst konservativ, d.h. die Kinder bleiben nahrungskarent, bekommen Antibiotika sowie Atem- und Kreislaufunterstützung. Erst, wenn sich trotz dieser Maßnahmen in den nächsten Tagen keine Besserung einstellt, das Kind bereits schwer krank ist oder eine Perforation zeigt, erfolgt die operative Therapie. Die Perforation, bei der im Bereich der maximalen Entzündung des Darmes ein Loch in der Darmwand entstanden ist, ist dabei eine absolute OP-Indikation. Das Ausmaß der Darmbeteiligung ist unterschiedlich: Von einer isoliert befallenen Stelle über mehrere betroffene Areale, die von gesundem Darm unterbrochen sind bis hin zum vollständigen Befall des gesamten Darmes muss das operative Verfahren dem jeweiligen Befund angepasst werden. Obgleich grundsätzlich abgestorbener Darm entfernt werden sollte, besteht das Risiko, hier ein sog. Kurzdarmsyndrom entstehen zu lassen, bei dem so viel Darm entfernt werden musste, dass die verbleibende Darmlänge nicht ausreicht, um das Kind auf lange Sicht dauerhaft mit Nährstoffen zu versorgen. Deshalb wird die Notwendigkeit für eine operative Korrektur auch nicht sofort gestellt, da eine operative Maßnahme in der Regel immer mit einem mehr oder weniger ausgeprägten Verlust von Darmlänge einhergeht. Unter maximalem Erhalt an Darmlänge werden daher nur eindeutig abgestorbene Abschnitte entfernt und solche, die „nur“ entzündet sind, belassen. Damit der Stuhl nicht weiter für eine Reizung dieser entzündeten Abschnitte sorgt, wird vorher ein künstlicher Darmausgang angelegt, über den der Stuhl abgeleitet wird. Meist erfolgt nach der operativen Maßnahme eine Stabilisierung des Kindes, vor allem der Anus praeter dient als Entlastung des Darmes. Bei nicht zeitgerechter Erholung kann es aber notwendig werden, nach 1 bis 3 Tagen erneut zu operieren, da evtl. Darmareale, die zuvor belassen wurden, sich nicht erholt haben und jetzt doch entfernt werden müssen. Dieses ist aber nur selten notwendig. Die Rückverlagerung des Anus praeters und Wiederherstellung der Kontinuität des Darmes erfolgt dann 3 – 4 Monate später.
Klinik für Kinder- und Neugeborenenchirurgie
Albert-Schweitzer-Campus 1
Gebäude A1
48149 Münster
kinderchirurgie(at)ukmuenster.de
