Zwei Kliniken, ein Ziel: bessere Versorgung durch enge Zusammenarbeit
Zwei starke Kliniken, ein gemeinsames Ziel: die bestmögliche Versorgung von Patientinnen und Patienten mit Verletzungen und Erkrankungen des Bewegungsapparates. Die Klinik für Unfall-, Hand- und Wiederherstellungschirurgie und die Klinik für Allgemeine Orthopädie und Tumororthopädie am UKM (Universitätsklinikum Münster) bauen ihre Zusammenarbeit dafür konsequent aus. Gemeinsam wollen sie ihre medizinischen Kompetenzen noch stärker bündeln, Innovationen vorantreiben und die ärztliche Weiterbildung zukunftsorientiert gestalten. Was diese gelebte Partnerschaft künftig bedeutet, erläutern Prof. Dr. Klemens Horst (UCH) und Prof. Dr. Georg Gosheger (AO) im Interview. | aw

Herr Professor Horst, Herr Professor Gosheger – wenn man Ihnen zuhört, ist immer wieder von gegenseitiger Wertschätzung die Rede. Ist das die Grundlage Ihrer Zusammenarbeit?
Prof. Horst: Absolut. Ich freue mich sehr über diesen Schulterschluss. Mit Herrn Gosheger arbeitet hier ein unglaublich erfahrener Orthopäde, dessen Innovationskraft ich seit vielen Jahren schätze. Er hat Entwicklungen in der Endoprothetik angestoßen, die heute weltweit eingesetzt werden – einige davon verwende ich selbst im Operationssaal. Es macht einfach Freude, mit jemandem zusammenzuarbeiten, der bis heute "out of the box" denkt und dabei immer das Wohl der Patientinnen und Patienten im Blick hat.
Prof. Gosheger: Wertschätzung ist tatsächlich die Basis. Gleichzeitig leben wir einen sehr direkten Austausch. Etwa alle drei bis vier Wochen setzen wir uns zusammen und besprechen alles, was unsere beiden Kliniken betrifft – von der Personalentwicklung über neue Implantate bis hin zu innovativen diagnostischen Verfahren. Dieser kurze Draht sorgt dafür, dass wir voneinander lernen und gemeinsam die besten Lösungen finden.
Was bedeutet diese enge Zusammenarbeit ganz konkret für Ihre Patientinnen und Patienten?
Prof. Gosheger: Sie profitieren davon, dass wir unsere Kompetenzen noch enger verzahnen. Wir stimmen uns beispielsweise bei Implantaten oder Operationsinstrumenten ab und planen in ausgewählten Fällen Eingriffe gemeinsam. Dadurch fließen die Erfahrungen beider Kliniken unmittelbar in die Behandlung ein.
Prof. Horst: Unsere Fächer sind seit vielen Jahren eng miteinander verbunden. Dennoch haben wir natürlich mit der Akutversorgung bei uns und in der Orthopädie den planbaren Eingriffen unterschiedliche Schwerpunkte. Aber in der Unterschiedlichkeit ergänzen wir uns eben auch. Wenn wir unsere Kompetenzen noch konsequenter zusammenführen, profitieren unsere Patientinnen und Patienten unmittelbar.
Können Sie dafür ein Beispiel nennen?
Prof. Horst: Ein Patient, der vor Jahren in der Tumororthopädie eine Prothese aufgrund eines Knochentumors im Oberarm bekommen hatte, war bei einer Busfahrt gestürzt und die Prothese war gebrochen. Damit kam er in die Notaufnahme der Unfallchirurgie. Solche Fälle verlangen sowohl unfallchirurgische als auch orthopädische Expertise. Durch die enge Abstimmung konnten wir kurzfristig gemeinsam die optimale Versorgung planen und durchführen.
Prof. Gosheger: Einen so komplexen Fall nach gegenseitiger Absprache behandeln zu können, war für diesen Patienten ein unschätzbarer Vorteil. Unsere beiden Kliniken sind allein stark – in der Zusammenarbeit aber noch stärker.
Sie möchten aber nicht nur bestehende Kompetenzen bündeln, sondern gemeinsam Innovationen entwickeln. Welche Rolle spielt dabei das 3-D-Druck-Center des UKM?
Prof. Horst: Eine sehr große. Ich möchte mit meiner Klinik für die Unfallchirurgie künftig die Möglichkeiten des Tissue Engineerings nutzen. Dabei geht es unter anderem um sogenannte Scaffolds – künstliche dreidimensionale Gerüststrukturen, auf denen sich körpereigene Zellen ansiedeln können. Sie eröffnen völlig neue Perspektiven bei der Behandlung großer Knochen- oder Weichteildefekte, für die es bislang oft keine geeigneten Standardlösungen gibt. Dass wir diese Strukturen mithilfe unseres 3-D-Druck-Centers, das ja organisatorisch in der Orthopädie aufgehängt ist, künftig selbst herstellen und weiterentwickeln können, ist ein großer Vorteil.
Prof. Gosheger: Ergänzt wird unsere gemeinsame Forschung durch das biomechanische Labor der Unfallchirurgie. Dort können wir neue Entwicklungen wissenschaftlich testen und weiterentwickeln. Forschung und Patientenversorgung greifen dadurch unmittelbar ineinander. Genau das zeichnet Universitätsmedizin aus.
Neben der Patientenversorgung spielt auch die Weiterbildung eine zentrale Rolle Ihrer Zusammenarbeit. Warum?
Prof. Horst: Seit 2005 gibt es den gemeinsamen Facharzt für Orthopädie und Unfallchirurgie. Ich selbst habe diesen Facharzt schon absolviert. Deshalb muss sich diese Einheit auch in der Weiterbildung widerspiegeln. Unsere jungen Ärztinnen und Ärzte sollen die gesamte Bandbreite des Faches kennenlernen. Ab August führen wir deshalb gegenseitige Rotationen zwischen beiden Kliniken ein. Das schafft einen viel umfassenderen Blick auf unser gemeinsames Fachgebiet.
Prof. Gosheger: Gleichzeitig lernen die Kolleginnen und Kollegen früh, interdisziplinär zu denken. Das entspricht genau dem klinischen Alltag. Perspektivisch möchten wir unseren Ärztinnen und Ärzten ermöglichen, Zusatzqualifikationen auch im jeweils anderen Schwerpunkt zu erwerben – etwa die Spezielle Unfallchirurgie oder spezielle orthopädische Qualifikationen. Damit schaffen wir hervorragende Entwicklungsmöglichkeiten und stärken gleichzeitig die Versorgung insgesamt.
Welche Bedeutung hat das über das UKM hinaus?
Prof. Horst: Durch die Krankenhausreform werden viele Kliniken ihre Weiterbildung künftig nicht mehr vollständig anbieten können. Als universitärer Maximalversorger tragen wir hier eine besondere Verantwortung. Wir behandeln die komplexesten Fälle und möchten gleichzeitig Ärztinnen und Ärzte so ausbilden, dass sie später auch in anderen Krankenhäusern eine hochwertige Versorgung sicherstellen können. Davon profitiert letztlich die gesamte Region.
Prof. Gosheger: Genau deshalb investieren wir bewusst in diese Zusammenarbeit. Wir bündeln nicht nur Kompetenzen für das UKM, sondern stärken langfristig auch die orthopädisch-unfallchirurgische Versorgung weit über Münster hinaus.
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Anja Wengenroth
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