Barrierefreiheit
Zum Hauptinhalt springen

Nach 24 Jahren am UKM: Allrounder der Frauenheilkunde scheidet aus Klinikleitung aus

Er ist so lange im Geschäft, dass er noch in allen Spezialdisziplinen des breitgefächerten Fachs Frauenheilkunde umfassend ausgebildet wurde. Fast ein Vierteljahrhundert hat Univ.-Prof. Ludwig Kiesel am UKM die Klinik für Frauenheilkunde und Geburtshilfe als Direktor angeführt. Jetzt geht die Leitung zum 15. Juni an seinen Nachfolger über. Univ.-Prof. Lars Hanker wechselt vom Universitätsklinikum Schleswig-Holstein nach Münster. Was sich in seinem Fach verändert hat und warum es medizinisch wie gesamtgesellschaftlich sinnvoll ist, Frauengesundheit stärker in den Blick zu nehmen, erklärt Kiesel im Interview. | aw

Herr Prof. Kiesel, welche Ziele hatten Sie sich bei Amtsantritt gesetzt und haben sich diese auch erfüllt?
Als ich im Jahr 2000 hier angetreten bin, waren meine Ziele in Klink und Forschung vielfältig und es freut mich, dass ich das meiste davon für unsere Klinik erreicht habe. Ich hatte zuvor schon zwei andere Universitäts-Frauenkliniken über viele Jahre klinisch kennengelernt und war auch im Ausland wissenschaftlich tätig. In Münster sah ich die Chance, die Behandlung von Patientinnen in vielen Bereiche der Frauenklinik längerfristig zu fördern. In unserem Fach können wir Patientinnen ein ganzes Frauenleben lang begleiten. Das ist übrigens der Grund, weswegen heute viele junge Ärztinnen und Ärzte zu mir sagen ‚Ich möchte in der Frauenklinik bleiben, weil das Fach so viele Möglichkeiten bietet‘. In der Realität ist es aber inzwischen zunehmend schwieriger geworden, das Fach in seiner ganzen Breite später ausüben zu können.

Was waren die medizinischen Meilensteine?
Es gab zu viele wichtige Fortschritte um alle zu nennen. Mehrere wichtige Meilensteine gab es in der Krebsbehandlung, der operativen Therapien, in der Geburtshilfe und bei hormonabhängigen Störungen. Zum einen die zahlreichen Erkenntnisse in der Entstehung und Behandlung der Endometriose. Weiter war es der sehr erfolgreiche Einsatz der HPV-Impfung und überhaupt, erst einmal die Feststellung, dass ein Virus für Krebserkrankungen wie in diesem Fall Gebärmutterhalskrebs, verantwortlich sein kann. Oder auch beispielweise die Erkenntnis, dass, wenn man mit einer gewünschten Hormonersatztherapie (HET) bereits kurz nach der letzten Regelblutung in der Menopause beginnt, manche degenerative Prozesse verzögert oder verlangsamt werden. Die HET wurde lange Zeit einseitig negativ beurteilt, insbesondere wurde vermutet, dass sie Brustkrebs stark begünstigt. Das ist längst in der Form widerlegt. Belegt ist dagegen, dass sie, insbesondere bei Herz-Kreislauf-Erkrankungen und Osteoporose präventiv wirken kann. Es sterben weitaus weniger Frauen über 50 Jahren an Brustkrebs als an Herzinfarkt und Schlaganfall. Eine „Hormonangst“ ist also nicht unbedingt angebracht.

Die Krankenhausstrukturreform steht bevor: Wird sie Antworten geben können auf die weitere Auffächerung des Fachs?
Die Reform wird viele medizinische Fachrichtungen in der Versorgung aber auch in der Weiterbildung beeinflussen. Viele Krankenhäuser werden sich für einzelne Bereiche entscheiden müssen. Durch die starke Spezialisierung in einzelne Unterdisziplinen ist die Frauenheilkunde für den Einzelnen fachlich kaum mehr zu beherrschen, dazu ist das Wissen zu sehr gewachsen. Die Unikliniken sind sicherlich diejenigen, die sich da weiterhin am meisten spezialisieren müssen. Daher ist es für eine Universitätsfrauenklinik wichtig, mit allen Disziplinen wie der gynäkologischen Onkologie, Senologie, aber auch in der Geburtshilfe und in der Reproduktionsmedizin spezialisiertes Wissen in Klinik und Forschung anzubieten. Speziell in der Onkologie sehe ich durch diese Strukturreform bei den Unikliniken das Potential, dort die führende Position in der Weiterentwicklung neuer Therapien weiter auszubauen. Die Krebsmedizin wird eine große Rolle spielen, aber das darf umgekehrt nicht heißen, dass gutartige Erkrankungen wie Endometriose oder Uterus-Myome, die zahlenmäßig überwiegen, nicht auch eine spezielle Expertise an Unikliniken benötigen.

Was sind die Themen der Zukunft?
National wie auch international kann man sehen, dass die Gesundheit von Frauen in ihren verschiedenen Lebensabschnitten viel mehr in den Vordergrund rückt. Themen wie die Menopause, die Endometriose und andere Hormonstörungen wie das Polyzystische Ovarialsyndrom gewinnen deutlich an Bedeutung. In diesem Jahr sind diese drei Gesundheitsthemen von großen Organisationen wie der WHO und sogar dem Weltwirtschaftsforum zu den vordringlichen globalen Zielen herausgehoben worden. Frauen haben Menopause- oder Endometriose-bedingt Beschwerden und viele Fehltage im Beruf oder in der Familienarbeit. Das ist auch ein massiver ökonomischer Faktor. Leider war es zuletzt so, dass wenig Investitionen in diese Forschungszweige getätigt wurden. Die Bundesregierung hat vor kurzem hierzu eine weitreichende Förderung gestartet. Es wäre sehr wünschenswert, dass diese Maßnahmen die Prävention, Lebensqualität und Arbeitskrafterhaltung bei Frauen weiter stärken.

Sie bleiben uns als Seniorprofessor erhalten. Mit welchen Forschungsschwerpunkten?
Mein besonderes Interesse galt und gilt der Erforschung von hormonabhängigem gutartigen und bösartigen Erkrankungen der Frau, ein Thema, das im gesamten Frauenleben von Bedeutung ist. Die medizinische Fakultät und das Uniklinikum ermöglicht es mir dankenswerterweise, dass ich mehrere dieser Forschungsprojekte wie z.B. zur Endometriose und zur experimentellen Brustkrebsforschung weiter in nationaler wie auch internationaler Kooperation betreuen kann. Ein besonderes Interesse habe ich in diesem Zusammenhang auch an global bedeutenden Themen wie an der Weitererforschung der Menopause, die auch bei uns gesamtgesellschaftlich relevant ist.

Kontakt für Presseanfragen

Anja Wengenroth | UKM-Unternehmenskommunikation

Anja Wengenroth

Pressesprecherin