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Zu dritt am OP-Tisch – Drei Disziplinen operieren gleichzeitig und retten den Fuß einer älteren Dame

Wenn Ingeborg Buinus (76) aus Saerbeck von ihrem Fahrradunfall im vergangenen September erzählt, tut sie das mit einem Augenzwinkern. „Ein Eichhörnchen war schuld“, sagt sie schmunzelnd – und weiß gleichzeitig, dass wohl ein unachtsamer Überholvorgang während einer Radtour mit ihrem Mann zu ihrem Sturz geführt hat. Die Folgen waren jedoch alles andere als harmlos: Die 76-Jährige erlitt eine offene Sprunggelenksluxation. Dass ihr Fuß erhalten werden konnte, verdankt sie einer neunstündigen OP – und dem Zusammenspiel mehrerer hochspezialisierter Fachdisziplinen am UKM (Universitätsklinikum Münster). | aw

Schon im Straßengraben liegend war der Patientin klar, dass an eine Weiterfahrt nicht zu denken war. Mit dem Rettungswagen wurde sie zunächst in ein nahegelegenes Krankenhaus gebracht. Dort richteten die Ärztinnen und Ärzte das luxierte Sprunggelenk wieder ein. Doch neben der schweren Verletzung des Knochens bereitete vor allem der Weichteilschaden Sorgen. Gerade am Knöchel ist die Haut besonders dünn und war durch die beim Unfall entstandenen Scherkräfte aufgerissen. Zur weiteren Behandlung wurde die 76-Jährige deshalb ans UKM verlegt.

„Eine so komplexe und gleichzeitig offene Luxation des Sprunggelenks sehen wir nur wenige Male pro Jahr“, erklärt Prof. Klemens Horst, Direktor der Klinik für Unfall-, Hand- und Wiederherstellungschirurgie. „Schwieriger wurde der Fall noch durch die altersbedingten Durchblutungsstörungen der Patientin. Wichtige Blutgefäße waren verstopft. Dadurch heilte die Wunde nicht und es drohte eine Amputation.“

Der Fall wurde unmittelbar im interdisziplinären Extremitätenboard des UKM besprochen. Schnell war klar, dass der Fuß nur durch das koordinierte Zusammenspiel mehrerer Fachdisziplinen erhalten werden konnte. Ebenso deutlich war jedoch, dass mehrere aufeinanderfolgende Operationen für die Patientin eine zu große Belastung gewesen wären. Deshalb fiel die Entscheidung für einen außergewöhnlichen Eingriff: Unfallchirurgie, Plastische Chirurgie und Gefäßchirurgie sollten gleichzeitig operieren: „Zuerst musste das Sprunggelenk unfallchirurgisch versorgt und stabilisiert werden“, erläutert Prof. Dr. Tobias Hirsch, Direktor der Klinik für Plastische Chirurgie am UKM. „Anschließend mussten wir als Plastische Chirurgie den Weichteildefekt mit einer sogenannten Lappenplastik verschließen. Dafür wird Gewebe von einer anderen Körperstelle entnommen. Damit dieses aber auch dauerhaft einheilt, muss es mikrochirurgisch an vorhandene Blutgefäße angeschlossen werden, was ebenfalls in unseren Bereich fällt.“

Auch die Gefäßchirurgie war daher unverzichtbarer Bestandteil des Eingriffs, da durchlässige Blutgefäße ja fehlten. „Ohne den Neuaufbau zuführender und ableitender Blutgefäße hätte die Lappenplastik nicht dauerhaft durchblutet werden können“, erklärt Prof. Dr. Alexander Oberhuber, Direktor der Klinik für Vaskuläre und Endovaskuläre Chirurgie

„Diese hochspezialisierte Form der Rekonstruktion setzt die enge Zusammenarbeit mit den anderen beteiligten Fachrichtungen voraus – eine Kompetenz, die das UKM als universitäres Zentrum vorhält.“

Neun Stunden lang arbeiteten die drei Teams Hand in Hand am selben OP-Tisch. „Für eine 76-jährige Patientin war das ein erheblicher Eingriff, dessen Nutzen und Belastung wir sehr sorgfältig gegeneinander abgewogen haben“, sagt Oberarzt Dr. David Kampshoff aus der Klinik für Plastische Chirurgie.

Inzwischen wurde der Fuß zwar ein weiteres Mal operiert, weil das Sprunggelenk aufgrund einer fortgeschrittenen Arthrose versteift werden musste. Dennoch sind die behandelnden Ärztinnen und Ärzte optimistisch, dass die Patientin wieder auf die Beine kommen wird. Immerhin stand zu Beginn der Behandlung zeitweise sogar eine Amputation auf Höhe des Unterschenkels im Raum.

„Eigentlich hatte ich mich schon damit abgefunden, den Fuß zu verlieren“, erzählt die 76-Jährige. „Denn ich konnte mir in der Situation damals einfach nicht vorstellen, drei so schwierige Eingriffe zu überstehen.“ Heute blickt sie wieder nach vorn und arbeitet daran, vom Rollstuhl zurück in die Selbstständigkeit zu finden.

Für Klinikdirektor Horst (UCH) steht der Fall beispielhaft für die Bedeutung der interdisziplinären Zusammenarbeit am UKM. „Gerade komplexe Verletzungen lassen sich nur erfolgreich behandeln, wenn alle beteiligten Disziplinen ihre Expertise frühzeitig gemeinsam einbringen.“ 

Genau dafür wurde am UKM das interdisziplinäre Extremitätenboard etabliert. Mehrmals pro Woche beraten dort Spezialistinnen und Spezialisten verschiedener Fachrichtungen gemeinsam über komplexe Fälle – häufig auch über Patientinnen und Patienten anderer Krankenhäuser, damit diese möglichst lange wohnortnah versorgt werden können. Hervorgegangen ist das Board aus dem Innovationsfondsprojekt EXPERT, dessen Erfahrungen in den Aufbau der neuen Orthoplastischen Zentren (OPZ) eingeflossen sind. Die ersten wurden im Juni 2026 in Münster bundesweit erstmals zertifiziert - das UKM war Impulsgeber und gehört wegen seiner umfassenden Erfahrung auf dem Gebiet dazu. 

Kontakt für Presseanfragen

Anja Wengenroth | UKM-Unternehmenskommunikation

Anja Wengenroth

Pressesprecherin