Barrierefreiheit
Zum Hauptinhalt springen

KI führte aus Nordamerika ans UKM – Kanadierin nimmt an Studie zur Behandlung eines Hirntumors teil

Internationale Patientinnen und Patienten gibt es am UKM viele – aber nur wenige haben einen so weiten Weg auf sich genommen wie Lise Jorgensen aus Kanada. Intensive KI-Recherche hat die 63-Jährige nach einem wiederkehrenden Hirntumor nach Münster geführt, wo sie für eine ursprünglich angedachte Studie letztlich nicht infrage kam, Strahlentherapie und Neurochirurgie ihr dann aber eine Alternative anbieten konnten. | lwi

Es ist ein verschneiter Tag. Der Blick aus dem 15. Stock des UKM-Ostturms zeigt eine weiße Stadt. Der Schnee erinnert Lise Jorgensen und ihren Mann an ihre Heimat Kanada. Dass sie nun in Münster ist, hätte sie vor gut einem Jahr noch nicht ahnen können. Während eines Silvesterausflugs nach Los Angeles entdeckten Ärzte bei der 63-jährigen aktiven und positiven Mutter von drei Kindern ein Glioblastom, einen aggressiven Hirntumor. Sehr klar und offen, mit viel Dankbarkeit und Optimismus, erzählt Lise Jorgensen von ihrer Krankengeschichte: Die begann im Dezember 2024 mit Kopfschmerzen, die sie bereits aus früheren Lebensphasen kannte und zunächst auf Stress zurückführte. „Ich konnte kognitiv spüren, dass etwas nicht stimmt, es aber nicht genau benennen“, erinnert sie sich. Medikamente machten sie zunehmend schläfrig und auch die Auszeit über Silvester mit ihrem Mann in Los Angeles brachte keine Erholung – im Gegenteil: „Schon auf dem Weg dorthin konnte ich jeden Moment spüren, wie mein Zustand sich verschlechterte.“ Orientierungs- und Appetitlosigkeit führten schließlich zu einem Anruf bei einem befreundeten Arzt. Als der Jorgensen bat, eine Uhr zu zeichnen und ihr das nicht gelang, ging sie direkt in ein Krankenhaus. Mittels MRT-Bildern wollten die Ärzte dort einen Schlaganfall ausschließen und entdeckten dabei einen Hirntumor.

Zurück in Ottawa folgten weitere Untersuchungen sowie die Planung von Operation, Bestrahlung und Chemotherapie. Die kurze Wartezeit nutze Jorgensen, um sich körperlich und mental auf die OP vorzubereiten. „Ich versuchte wieder etwas an Gewicht zu gewinnen, mich an der frischen Luft zu bewegen und Zeit mit den Kindern und Freunden zu verbringen. Als ich in meine erste OP ging, habe ich mich gefragt: ,Wie will ich mich auf diese Reise begeben?‘ Und diese Entscheidung musst du treffen. Entweder gehst du rechtsherum, in einen sehr dunklen Kaninchenbau, in den du alle um dich herum mit reinziehst – was dir nicht helfen wird – oder du wählst den anderen Weg und versuchst positiv zu sein und auf das Beste zu hoffen.“

KI und Kontakte führen zum UKM

Nach Abschluss der Behandlung in Ottawa suchte ihr Mann, der beruflich in der KI-Branche tätig ist, mithilfe Künstlicher Intelligenz nach weiteren Optionen. Über einen persönlichen Kontakt kam schließlich der Austausch mit Prof. Walter Stummer, Direktor der UKM-Klinik für Neurochirurgie, und Privat-Dozent Dr. Michael Müther zustande, der eine potenziell passende Studie identifizierte. Ein Test, für den Tumor-Gewebe extra nach Deutschland verschickt worden war, ebnete den Weg für die Teilnahme an der Studie. Eine Option, die es in Kanada nicht gab.

„Im Sommer hatten wir dann ein wundervolles erstes Zoom-Meeting mit Dr. Müther, buchten unsere Flüge und Hotels und kamen ans UKM.“ Dort zeigte sich jedoch, dass der Tumor inzwischen zurückgekehrt und eine Studienteilnahme damit nicht mehr möglich war. „Eine Option war dann, mit allen Unterlagen aus Münster zurück nach Ottawa zu fahren, oder die Prozedur aus erneuter Operation, Bestrahlung und Chemo hier in Münster machen zu lassen und nach weiteren Studien zu suchen.“ Jorgensen und ihr Mann entschieden sich, zu bleiben. Zunächst erfolgte eine Behandlung mit der von Prof. Stummer entwickelten Fluoreszenz-gestützten Tumorentfernung. „Dabei wird Tumorgewebe mit der körpereigenen Aminosäure 5-Aminolävulinsäure (5-ALA) besetzt, die es unter Blaulicht besser sichtbar macht, so dass es in einer Operation besser entfernt werden kann“, sagt Müther. Die OP erfolgte im wachen Zustand, um wichtige Hirnareale zu schonen. Dazu kam ein weiterer Vorteil: „Mit 5-ALA angereichertes Tumorgewebe reagiert deutlich besser auf eine Strahlentherapie“, sagt Müther. Und hier kam zufällig eine zweite Studie der Neurochirurgie und Radioonkologie ins Spiel, in der die verbesserte Wirkung der Photonenbestrahlung durch die Einnahme von 5-ALA untersucht wird. „Das Verfahren erlaubt eine tiefere und verstärkte Wirkung im Hirntumorgewebe“, erklärt Dr. Niklas Pepper, der im Rahmen der Studie die Effektivität des neuen Verfahrens unter der Leitung von Prof. Stummer und Prof. Hans Eich, Direktor der Klinik für Strahlentherapie – Radioonkologie, testet. „Besonders bei wiederkehrenden Hirntumoren ist das von Vorteil, um gesundes Gewebe, das durch erste Bestrahlungen schon belastet wurde, noch besser zu schonen.“

Die erste Kontrolle ist sehr positiv: MRT-Bilder und Blutwerte sehen gut aus. Zur Nachsorge bleibt Jorgensen mit ihrem Mann vorerst in Europa und wohnt bei der Familie in Frankreich. In drei Monaten ist ein weiteres MRT geplant. Parallel hat ihr Mann mithilfe von KI-Algorithmen nach weitere Therapieoptionen gesucht, die am UKM bereits bewertet wurden. Für die behandelnden Ärztinnen und Ärzte ist Jorgensens Umgang mit der Erkrankung beispielhaft. 

„Das hat uns hier sehr beeindruckt, wie proaktiv sie an die Therapie herangeht. Die positive Art und Energie, die sich um sich herum schafft, ist für alle ein Gewinn“, sind sich Müther und Pepper einig. 

Das sieht auch Jorgensen so: „Wenn die Menschen um mich herum mich kämpfend und dankbar und glücklich erleben, ist das auch ein Geschenk für sie, das sie mir zurückgeben können. Eine Win-Win-Situation und definitiv der bessere Weg.“

Kontakt für Presseanfragen