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ZNAvengers Initiative

Mit vereinten (Super-)Kräften haben wir in den letzten Jahren die Notfallversorgung von nicht-traumatologischen Patient*innen in unserer Notaufnahme überdacht und viele eingefahrene Prozesse hinterfragt und neu strukturiert. Unsere ZNAvengers Initiative ist ein fortlaufendes Projekt, das stetig wächst und unsere Arbeit verbessert und bereichert.

Hintergrund

Für traumatologische Patient*innen sind die Alarmierungskriterien und -wege seit Langem etabliert. Bei Ankunft im Traumazentrum steht ein dezidiertes Team zur Übernahme und Erstversorgung im Schockraum bereit. Der Ablauf der Schockraumversorgung von Traumapatient*innen ist in Deutschland seit über 20 Jahren etabliert und erfolgt nach einer nationalen S3-Leitlinie.

Im Gegensatz dazu werden ältere Patient*innen mit Atemnot oder Bewusstseinsminderung regelmäßig als „Verschlechterung des Allgemeinzustandes“ in Notaufnahmen eingeliefert, ohne dass zuvor eine kritische Erkrankung erkannt oder kommuniziert wurde. Dies ist dramatisch, da davon auszugehen ist, dass in Deutschland etwa viermal so viele nicht traumatologische Patient*innen mit einer doppelt so hohen Krankenhaussterblichkeit im Vergleich zu Traumapatient*innen versorgt werden müssen. (Mehr dazu in dieser Publikation)

Wie alles begann

Im Jahr 2018 haben wir damit begonnen, ein eigenes strukturiertes Behandlungsprotokoll und objektive Alarmierungskriterien für die Versorgung nicht-traumatologischer Patient*innen im Schockraum zu entwickeln. Unser Ziel war es, schnell und objektiv entscheiden zu können, ob eine Patientin oder ein Patient die Versorgung im Schockraum benötigt.

Im nächsten Schritt suchten wir nach einprägsamen Akronymen, mit denen wir kritische Notfälle im Team ankündigen konnten, ohne die anwesenden Patient*innen zu beunruhigen. Dabei fiel die Wahl auf die inzwischen überregional bekannten Akronyme V2iSiOn (Alarmkriterien) und IRON MAN (Schockraum-Protokoll). So waren die Superhelden-Abkürzungen geboren.

ZNAvengers Initiative

Die Entwicklung, Vermittlung und Implementierung neuer Abläufe im ohnehin hektischen Alltag einer Notaufnahme ist alles andere als trivial. Dennoch hat sich eine dynamische Projektgruppe gegründet, die über mehrere Jahre hinweg sukzessive die nicht-traumatologische Schockraumversorgung und benachbarte Projekte weiterentwickelt hat. Diese Gruppe der Zentralen Notaufnahme (ZNA) nannte sich in Anlehnung an die Marvel-Avengers die „ZNAvengers”.

Basierend auf der Arbeit der ZNAvengers kann das Team der Notaufnahme auf verschiedenste Versorgungssituationen koordiniert reagieren. Das IRON MAN Protokoll legt in Form einer Checkliste den Ablauf und die Reihenfolge der wichtigsten Maßnahmen im Schockraum fest. Das BLACK WIDOW Protokoll nimmt das Prozedere bei bereits intubierten Patient*innen in den Fokus, während das THOR Protokoll das Vorgehen bei notfallmäßiger CT-Diagnostik (z.B. bei Schlaganfallverdacht) oder Interventionsbedarf (z.B. Herzkatheteruntersuchung bei Herzinfarkt) vorgibt.

Die Inhalte und die Durchführung der Protokolle werden in interprofessionellen Team-Trainings (IRON MAN & BLACK WIDOW Days) vermittelt und geübt. Diese finden als Ganztagskurse an acht bis zehn Tagen im Jahr im UKM-Trainingszentrum statt. Neben zahlreichen realitätsnahen Simulationsszenarien leiten erfahrene Instruktoren die Seminare und Workshops.

Einzelne Techniken oder Aspekte werden zudem zweimal wöchentlich in den Räumen der UKM Notaufnahme in 30-minütigen Akut- und Notfallmedizinischen Training-Sessions am Mankin (ANT MAN) vertieft. 

Die Behandlungsprotokolle und das Training haben die Zusammenarbeit im Team und die Qualität der Patientenversorgung deutlich verbessert. Im Jahr 2023 wurde der Initiative der AMBOSS-Award für großartige medizinische Initiativen verliehen. (Hier geht's zu unserer Pressemitteilung)
 

Als objektive Alarmierungskriterien für den Einsatz des IRON MAN-Protokolls wurden die V2iSiOn-Kriterien (Rovas, Kümpers et al.) festgelegt. Trifft einer der folgenden Punkte zu, wird IRON MAN ausgelöst: Vasopressortherapie durch Rettungsdienst, Beatmung durch Rettungsdienst, RRsys < 90 mmHg, initialer SpO2 < 90 % und GCS < 15 Punkte. Weitere Information zur V2iSiOn-Regel erhalten Sie hier.

Seit Mai 2022 nutzt auch der Rettungsdienst der Stadt Münster die V2iSiOn-Kriterien zur Kategorisierung aller Patient*innen. Um eine stringente und effiziente Meldekultur zu unterstützen, werden seitdem nur noch Patient*innen der Kategorie „ROT“ telefonisch in den Notaufnahmen des Stadtgebietes vorangemeldet. Die Kategorie ROT wird dabei durch die Tracerdiagnosen Trauma, Schlaganfall, STEMI oder ≥ 1 V2iSiOn-Kriterium definiert. Alle anderen Patient*innen werden einer angemeldeten Klinik ausschließlich digital vorangemeldet. Dadurch konnte das Telefonaufkommen beim Rettungsdienst und in der Notaufnahme deutlich reduziert werden. Eine Befragung des Rettungsdienstpersonals der Stadt Münster bestätigte die positiven Auswirkungen dieser Vorgehensweise.

(Interdisciplinary resuscitation room management in acutely ill nontraumatic patients)

Das IRON MAN Protokoll strukturiert unsere Abläufe bei der Versorgung von Patient*innen im non-trauma Schockraum – von der Voranmeldung bis zur Festlegung des endgültigen Vorgehens. Im Wesentlichen handelt es sich um eine Checkliste, deren Punkte je nach Versorgungssituation nacheinander abgearbeitet werden. Darin ist zum Beispiel festgelegt, in welcher Reihenfolge die Untersuchung abläuft, welche Notfallmaßnahmen Vorrang haben und wie die anschließende Diagnostik durchgeführt wird. Gleichzeitig ermöglicht es eine schnelle Dokumentation.

(Bypassing the ER for fast-lane CT scan with intubated patient & doctor from anesthesia or without)

Aufbauend auf dem Erfolg des IRON MAN-Protokolls haben wir ein Protokoll für die Versorgung von intubierten Patient*innen entwickelt, die einer Notfalldiagnostik zugeführt werden müssen. Häufig handelt es sich dabei um Schlaganfallpatient*innen, die bereits präklinisch intubiert wurden und sofort eine CT-Untersuchung benötigen. Durch die Einführung des Black Widow Protokolls konnten wir unsere Prozesszeiten und die Arbeitszufriedenheit der beteiligten Kolleg*innen deutlich verbessern.

(Transportation of high-risk patients with own team to radiology or intervention)

Last but not least wurde das THOR-Protokoll eingeführt, um die Prozesszeiten für nicht-intubierte Patient*innen, die eine Notfallbildgebung oder -intervention benötigen, zu verbessern. Nach Ankündigung durch den Rettungsdienst wird das Protokoll aktiviert und notwendige Vorbereitungen wie Teamzusammenstellung, Bereitstellung des Transportmaterials, Vorankündigung am Zielort etc. werden bereits vor Eintreffen der Patient*innen getroffen.

Fortsetzung folgt ...

Wir haben noch viele weitere Ideen für zukunftsweisende Projekte, um die Notfallversorgung zu verbessern. In der Rubrik Aktuelles halten wir Sie auf dem Laufenden.