Am 28. Mai ist Weltblutkrebstag: „Ich habe wieder eine Chance“
Bei dem Emsländer Tim Reichelt wurde eine aggressive Form von Lymphdrüsenkrebs diagnostiziert. Kehrt die Erkrankung wie bei ihm nach der ersten Therapie wieder zurück, sinken die Heilungschancen deutlich. Statt der intensiven Standard-Hochdosistherapie erhält Reichelt im Rahmen einer internationalen Studie am UKM nun eine innovative Kombinationstherapie, die gezielt wirkt und so schonend ist, dass der 49-jährige Medizintechniker und Vater zweier Kinder seinen Alltag trotz Krebsbehandlung weitgehend normal weiterleben kann. | lie

Als Tim Reichelt Ende vergangenen Jahres erneut die Diagnose Lymphdrüsenkrebs erhielt, dachte der 49-Jährige vor allem an seine Familie. „Man will einfach weiter aktiv sein und möglichst viel normales Leben behalten“, sagt der zweifache Vater aus dem Emsland. Bereits zwei Jahre zuvor war bei ihm im Hals-Nasen-Ohren-Bereich ein aggressives diffuses großzelliges B-Zell-Lymphom (DLBCL) festgestellt worden – eine sehr schnell wachsende Form von Blutkrebs. Nach einer intensiven Behandlung am UKM (Universitätsklinikum Münster) galt er zunächst als krebsfrei. Doch bei einer Kontrolluntersuchung zeigte sich erneut ein Tumorherd – diesmal in der Lunge.
„Herr Reichelt ist dann auf Empfehlung des behandelnden niedergelassenen Kollegen zu uns in die Lymphomsprechstunde gekommen“, erzählt Priv.-Doz. Dr. Evgenii Shumilov, Oberarzt in der Medizinischen Klinik A am UKM. „Wir haben ihm empfohlen, an der CLEAR-Studie teilzunehmen, einer internationalen Studie mit mehr als 30 Prüfstellen in Deutschland und Italien.“ Federführend geleitet wird sie in Münster von Prof. Georg Lenz, Direktor der Medizinischen Klinik A und Wissenschaftlicher Direktor am WTZ (Westdeutsches Tumorzentrum) Münster am UKM. „Wir untersuchen dabei die Kombination zweier moderner Wirkstoffe: eines sogenannten Antikörper-Wirkstoff-Konjugats und eines bispezifischen Antikörpers. Beide Medikamente greifen Krebszellen gezielt an – allerdings auf unterschiedliche Weise“, erklärt Lenz. Und Shumilov ergänzt: „Das erste Medikament bringt eine zellschädigende Substanz gezielt direkt in die Lymphomzellen. Der zweite Wirkstoff aktiviert zusätzlich die körpereigenen T-Zellen und verbindet sie direkt mit den Krebszellen, sodass das Immunsystem die Tumorzellen gezielt angreifen kann.“
Reichelt musste nicht lange überlegen und entschied sich für die Studienteilnahme. Für ihn war vor allem entscheidend, dass die Therapie deutlich schonender ablaufen sollte als eine klassische Hochdosistherapie. „Ich weiß ja ungefähr, was bei solchen Therapien auf einen zukommt“, sagt der gelernte Rettungssanitäter und heutige Medizintechniker. „Ich wollte weiter möglichst normal am Leben teilnehmen können.“ Genau das ermögliche ihm die Behandlung im Rahmen der Studie, die überwiegend ambulant erfolgt. Nur einmal musste er für eine Nacht stationär aufgenommen werden. „Bei einer klassischen Hochdosistherapie wären es wahrscheinlich gut zweieinhalb Monate im Krankenhaus gewesen“, sagt Shumilov. „Und es geht nicht nur um die Therapie selbst“, betont auch Lenz. „Nach einer Hochdosistherapie kämpfen viele Patientinnen und Patienten noch monatelang mit Komplikationen und Folgen wie allgemeiner Schwäche, Appetitlosigkeit, Schleimhautschäden oder Haarausfall.“
Wie alle Krebstherapien ist auch die Studientherapie nicht gänzlich nebenwirkungsfrei, doch Tim Reichelt empfindet die Belastung als gut beherrschbar. „Mein Energielevel liegt gerade vielleicht bei gut 60 Prozent“, sagt er. „Aber mir geht es gut damit.“ Er kann weiter stundenweise in seinem Beruf arbeiten. Sein Arbeitgeber unterstützt ihn dabei mit angepassten Arbeitsbedingungen. „Ich kann Zeit mit meinen Kindern verbringen, kleine Reisen machen und weiter am normalen Leben teilnehmen“, sagt Reichelt. „Das bedeutet mir unglaublich viel.“ Aktuell sind bei ihm keine Krebszellen mehr nachweisbar. „Unser Ziel bleibt die Heilung“, betont Shumilov vorsichtig optimistisch. Die Behandlung wird zunächst weiter fortgesetzt, um auch etwaige kleinste verbliebene Tumorzellen zu beseitigen. „Ich habe wieder eine Chance“, ist Reichelt dankbar für die zusätzliche Therapieoption und betont: „Durch meine berufliche Erfahrung weiß ich: Ohne klinische Studien kommen wir in der Medizin nicht weiter.“ Das bestätigt auch Prof. Lenz: „Gerade bei der Behandlung von Lymphomen haben Studien in den vergangenen Jahren enorme Verbesserungen ermöglicht. Wir können diese und viele weitere Blutkrebserkrankungen heute deutlich gezielter behandeln und vielen Patientinnen und Patienten Heilungschancen ermöglichen, die es früher so nicht gab.“
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