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Weltkrebstag am 4. Februar: Neue Perspektiven bei Prostatakrebs

Das Prostatakarzinom ist laut dem Robert-Koch-Institut mit rund 79.000 Neuerkrankungen im Jahr in Deutschland der häufigste bösartige Tumor des Mannes. Dank moderner Bildgebung und innovativer Therapien haben sich in den vergangenen Jahren Überlebenschancen und Lebensqualität bei Patienten wie Dr. Martin Franz deutlich verbessert. Im WTZ Münster wurde er in der Klinik für Nuklearmedizin am UKM mit der sogenannten Radioligandentherapie behandelt. Dabei werden winzige, an den Tumor gebundene Moleküle genutzt, um radioaktive Strahlung direkt in die Prostatakrebszellen zu bringen und sie von innen heraus gezielt zu zerstören. | lie

„Diese Krankheit werde ich wahrscheinlich nicht mehr ganz los.“ Als Dr. Martin Franz 2014 seine Prostatakrebsdiagnose erhielt, ahnte der promovierte Biologe bereits, dass ein langer Weg vor ihm liegt. Operation, Hormonentzug, Chemotherapie und Bestrahlung folgten – doch keine dieser Behandlungen konnte den Tumor dauerhaft bremsen. Zudem hatten sich Metastasen im Becken gebildet. Erst eine damals noch neue nuklearmedizinische Therapie brachte die ersehnte Stabilisierung: die Radioligandentherapie (RLT). „Diese Behandlung war die, die bei mir am längsten und am besten gewirkt hat – mit Abstand“, sagt der heute 77-jährige Münsteraner. „Nach der ersten Therapie in 2022 ist der PSA-Wert deutlich gefallen und zwei Jahre lang niedrig geblieben. So lange hat vorher keine andere Therapie gehalten.“ Der PSA-Wert – das „prostataspezifische Antigen“ – ist ein Blutwert, der anzeigt, wie aktiv die Tumorzellen sind; sinkt er, spricht das meist für ein gutes Ansprechen auf die Behandlung. Als dieser Wert bei Franz Anfang letzten Jahres wieder zu steigen begann, brachte ein zweiter Therapiedurchlauf erneut Kontrolle über das Tumorwachstum.

„Wir erleben derzeit einen entscheidenden Fortschritt in der Nuklearmedizin – wir können Tumoren präziser erkennen und gezielter behandeln als je zuvor“, sagt Prof. Dr. Kambiz Rahbar, geschäftsführender Oberarzt der zum WTZ (Westdeutsches Tumorzentrum) Münster gehörenden Klinik für Nuklearmedizin am UKM (Universitätsklinikum Münster). 

Grundlage vieler dieser Entwicklungen ist ein kleines Eiweiß auf der Oberfläche von Prostatakrebszellen: das PSMA (Prostataspezifisches Membranantigen). „PSMA ist Dreh- und Angelpunkt der modernen Diagnostik und Therapie“, erklärt Rahbar. „Es kommt auf Tumorzellen in viel höherer Konzentration vor als auf gesundem Gewebe – das nutzen wir sowohl für das Erkennen als auch für die Behandlung der Erkrankung.“ Mit dem PSMA-PET-CT-Scan lassen sich Tumorherde und Metastasen im ganzen Körper sichtbar machen, oft deutlich früher und präziser als mit herkömmlichen Verfahren.

Die gleiche Zielstruktur nutzt die Radioligandentherapie, die bei Martin Franz eine langanhaltende Kontrolle des Krankheitsverlaufs ermöglichte und zu einer spürbaren Verbesserung seiner Lebensqualität führte. Dabei werden PSMA-bindende Moleküle mit dem Radionuklid Lutetium-177 gekoppelt und gelangen über den Blutkreislauf direkt an die Tumorzellen, wo sie ihre Strahlung präzise am Zielort freisetzen. „Der Ligand wirkt wie ein Adressaufkleber“, beschreibt Rahbar das Prinzip. 

„Wir bringen die Strahlung genau dorthin, wo der Tumor sitzt, und schonen dabei das umliegende Gewebe.“

Auch der Umgang mit Nebenwirkungen wird kontinuierlich verbessert. Müdigkeit, Veränderungen des Blutbildes oder Mundtrockenheit können auftreten, werden aber eng überwacht. „In Münster werden zum Beispiel die Speicheldrüsen während der Behandlung gekühlt, um die Anreicherung des Wirkstoffs zu reduzieren“, erzählt Franz, der auch Vorsitzender der Prostata Selbsthilfegruppe Münster e.V. ist. Eine Maßnahme, die für Betroffene spürbar Erleichterung bringen kann. Aus den Gesprächen mit anderen Betroffenen weiß er: 

„Das Wohlbefinden der Patienten während der Behandlung darf man nicht unterschätzen. Es geht nicht nur um PSA-Werte und Überlebenszahlen, sondern auch darum, wie man sich während der Therapie fühlt.“

„In den vergangenen zehn Jahren hat sich viel bei der Diagnostik und den Behandlungsmöglichkeiten des Prostatakarzinoms getan“, betont Prof. Kambiz Rahbar. Studien prüfen zum Beispiel, ob die RLT bereits früher im Krankheitsverlauf eingesetzt werden kann. Zusätzlich entstehen KI-basierte Modelle, die aus Bild- und klinischen Daten vorhersagen sollen, welche Therapieform bei welchem Patienten besonders gut wirkt. „Unser Ziel ist es, die Behandlung immer individueller und noch präziser zu gestalten“, sagt Rahbar. „Wir wollen die bestmögliche Balance aus Wirksamkeit und Verträglichkeit erreichen – und für jeden Patienten die Therapie finden, die zu seiner persönlichen Situation passt.“

 

Infobox: PROMISE

Ein internationales Team um Prof. Kambiz Rahbar und seinen Essener Kollegen Prof. Wolfgang Fendler hat mit der Forschungsinitiative PROMISE („PROstate cancer Molecular Imaging Standardized Evaluation“) ein weltweit anerkanntes Auswertungsschema für PSMA-PET-Bilder entwickelt. Mit Bilddaten von mehr als 15.000 Patienten wurde ein System geschaffen, das die Risiko- und Therapieeinschätzung zuverlässiger macht und inzwischen in die deutsche S3-Leitlinie Prostatakarzinom eingeflossen ist. Das PSMA-PET-Projekt, das von der Deutschen Forschungsgemeinschaft mit insgesamt über 500.000 Euro gefördert wurde, ist gerade mit dem Preis der Deutschen Hochschulmedizin ausgezeichnet worden.

Kontakt für Presseanfragen

Anja Wengenroth | UKM-Unternehmenskommunikation

Anja Wengenroth

Pressesprecherin